»In einem Land, das es nicht mehr gibt« von Aelrun Goette

Mode in der DDR? Und dazu auf Weltniveau, wie es dort immer und zumeist vergeblich angestrebt wurde? Nicht nur den Deutschen im Westen, sondern auch vielen DDR-Bürgern dürfte es unbekannt gewesen sein, dass mitten im Arbeiter- und Bauernstaat eine kleine, ansehnliche Modebranche existierte, die für den Export arbeitete und deren maßgebliche Akteure eine gewisse Narrenfreiheit besaßen. Von dieser Welt berichtet die in Ost-Berlin aufgewachsene Filmemacherin Aelrun Goette.

Regisseurin Goette ist auf der Straße entdeckt worden, ihre Hauptfigur Suzie (Marlene Burow) gerät am Fenster der Straßenbahn vor das Objektiv des Fotografen Coyote (David Schütter) und landet als Hochglanzfoto in der Modezeitschrift »Sibylle«.
So bekommt sie eine Chance, dem sozialistischen Arbeitsalltag zu entkommen. Sie arbeitet nämlich auf Bewährung in der Produktion eines Kabelwerks, nachdem sie mit dem Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« am Ärmel und Orwells »1984« in der Tasche verhaftet worden ist. Abrupt endete ihr Traum von einem Literaturstudium.
Suzie lebt mit ihrer kleinen Schwester Kerstin (Zoé Höche), die selbst gerne Fotomodell werden möchte, am Stadtrand von Ost-Berlin. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater redet ihr ein, dass noch die Möglichkeit bestehe, bei Wohlverhalten das Abi nachzuholen und zu studieren. Als er mitbekommt, dass Suzie als »Mannequin« arbeiten könnte, ist er außer sich.
Aber die anstrengende Arbeit in der Produktion ist nichts für sie, das Kollektiv ist gegen sie, und nur mit Mühe wird sie von Brigadeleiterin Gisela (Jördis Triebel) verteidigt. Schließlich haben sich die wenigsten der Arbeiterinnen ihren Arbeitsplatz selbst ausgesucht, und für die Erfüllung der Norm und die nächste Auszeichnung wird jede Hand gebraucht.
Suzie tanzt zunächst auf zwei Hochzeiten, und auf beiden ist sie Anfängerin. Im Werk bekommt sie zeitweise frei, damit sie ihre Modelkarriere vorantreiben kann. Dazu muss sie sich von dem schüchternen Mädchen in eine mondäne junge Frau verwandeln. Eine Aufgabe, die Darstellerin Marlene Burow mit Bravour meistert. Glaubhaft erstaunt sie auch, wenn sie in die Glamourwelt eintaucht.
Der Fotograf Coyote und der schwule Visagist Rudi (Sabin Tambrea) haben um sich ein Gruppe von Freigeistern versammelt, die so auch in West-Berlin, Frankfurt oder Hamburg existieren könnte. Mit dem Unterschied, dass die Stasi immer ein Auge auf die jungen Leute hat. Hin und wieder werden sie observiert, aber längere Verhaftungen bleiben aus. Als Coyotes Fotos von einer Modenschau im westdeutschen »Stern« erscheinen, wird Suzie, die mittlerweile Coyotes Geliebte geworden ist, verhört, und sie erhält das Angebot, künftig als IM zu spionieren. Rudi, der bei der Modenschau im weißen Kleid mitgewirkt hat, kommt mit ein paar Blessuren davon.
Liebevoll nachgestellt sind die Bilder vom verfallenden Ost-Berlin (Kamera: Benedict Neuenfels, Szenenbild: Silke Buhr) und die Szenen aus dem volkseigenen Betrieben, aus dem Kabelwerk und der Reaktion von »Sibylle« sowie dem VHB »Exquisit«. Mit ihrem autobiografischen Film hat Goette ein unbekanntes Kapitel am Ende der DDR-Geschichte – der Film spielt in den letzten 80er Jahren – aufgeschlagen. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie die Unterdrückungsmechanismen in der DDR verschweigt. Genosse Sindermann, der Präsident der Volkskammer, wacht über allem.
Doch Rudis Gerede von der inneren Freiheit, die man überall besitzen könne, und die alternativ organisierte Modenschau am Ende kommen allzu zeitgeistig-naiv daher. Vor allem, wenn man an die von Prag ohne Halt durch die DDR nach Westen fahrenden Züge denkt, auf die seinerzeit nicht wenige DDR-Bürger aufspringen wollten.

Claus Wecker / Foto: © Tobis Filmverleih

IN EINEM LAND, DAS ES NICHT MEHR GIBT
von Aelrun Goette, D 2022, 100 Min.
mit Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Claudia Michelsen, Peter Schneider, Jördis Triebel
Drama / Start: 06.10.2022

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