Jonathan Moore und sein San-Francisco-Thriller »Poison Artist«

Es kann sein, dass Sie am Ende dieses Buch hassen. Den Autor, den Herausgeber, den Verlag. Mich. Es kann sein, dass dieses Buch Sie wie eine Keule trifft. Oder wie ein Peitschenhieb. Dass es auf Sie wirkt wie ein geöffnetes Glas mit verdorbenem Inhalt. Oder wie süßes Gift. Eine Reaktion aber werden Sie haben. »Poison Artist« von Jonathan Moore ist starker Lese-Toback.
Sein Held und Erzähler ist der Toxikologe Caleb Maddox, der von der Polizei von San Francisco als Berater bei Mordfällen hinzugezogen wird. Sein Spezialgebiet ist die Schmerzforschung. »Quantifizierung von Schmerz. Ein systematischer Zugang zum Verständnis des Leidens«, hieß seine letzte Arbeit. Wie seine Messinstrumente und Analysengeräte ist auch seine Aufmerksamkeit geschärft für noch die kleinsten Spurenelemente und Hinweise. Ein Erzähler also mit hochsensiblen Sinnesorganen, der Gerüche und Stimmen, die Berührung von Stoff oder auch Farben intensiv wahrnimmt. Zudem ist er noch Zeichner. Und er war mit einer Malerin zusammen.
Deren Whiskeyglas hat ihn an der Stirn getroffen, erfahren wir in Satz drei des Romans. Im Taxi, unterwegs zu einem Hotel, zieht Maddox sich die letzten Splitter aus der Haut. Das Hotel ist das Palace Hotel an der südwestlichen Ecke von Market Street und New Montgomery, wir sind in San Francisco. Die Psychogeographie dieser Stadt ist integraler Bestandteil der Geschichte, bis hin, dass wir das Cable Car kreischen hören, wenn unsere Nerven es auch gerade tun wollen.
»Schon seltsam, aber jeder, der verschwunden ist, soll in San Francisco gesehen worden sein«, lautet ein Bonmot von Oscar Wilde. Bald wimmelt es auch in dieser Geschichte von verschwundenen wohlsituierten Männern, die dann tot aus der Bay gezogen werden und unter unbeschreiblichen Schmerzen gestorben sein müssen.

»Siehst du«, sagte Emmeline.
»Du weißt, wie man etwas findet.«
»Wie kommst du darauf?«
»Du hast mich gefunden.«

Doch der Reihe nach. Nachdem Maddox sein Zimmer bezogen und sich vor dem Spiegel verarztet hat, sucht er die Bar des historischen Luxushotels auf. Sie heißt »Pied Piper«, so nennt man im englischen Sprachraum den Rattenfänger von Hameln. Den Namen verdankt sie – dies auch genauso in der Realität – dem gleichnamigen Gemälde von Maxfield Parrish (1870 – 1966), das hinter dem Tresen hängt und »neun Quadratmeter Licht, Schatten und Bedrohlichkeit« ausstrahlt. Vermutlich überlesen die meisten von uns, dass es nicht das erste Mal ist, dass Maddox Zuflucht in einem Gemälde sucht, »dass er sich der Leinwand überließ, bis sowohl der Raum als auch die Außenwelt völlig verschwand. Vielleicht gab es Gemälde, die speziell für diesen Zweck geschaffen waren. Wenn er sie entdeckte und sich nahe genug setzte, um die einzelnen Pinselstriche unterscheiden zu können, kippte der Raum allmählich zum Rahmen hin, als hätte die Erde ihren Schwerpunkt verlagert. Dann fühlte er sich immer mehr hineingezogen in die Welt, die unter der Farbschicht verborgen lag.«
Natürlich schüttelt man bei so etwas den Kopf, gibt dem Barkeeper ein Zeichen, bestellt noch einen Drink und bekommt als Zugabe eine witzige Bildinterpretation (die ich hier nicht wiedergebe). Auf der Theke hat jemand die Abendzeitung liegengelassen. Ein Mann wird seit zehn Tagen vermisst, kündet die Schlagzeile. Maddox trinkt.
Dann betritt, Seite Sieben des Buches, eine Frau in schwarzem Satinkleid die Bar und schaut sich um. Geht wieder hinaus. Das Kleid komplett rückenfrei, die Haut so weiß wie eine Oleanderblüte. Maddox hat keine Ahnung, was ihm blüht.
Als er seine Kneipentour in einer Cocktailbar auf der anderen Straßenseite fortsetzt, nimmt er ihren Duft wahr, noch bevor er sie sieht. Sie hat sich neben ihn gesetzt. »Ihre Stimme schien nicht von einem anderen Ort, sondern aus einer anderen Zeit zu stammen. Vielleicht lag es aber auch an dem Kleid, das sie trug, an dem Perlenhalsband und dem dunklen Parfüm. Als wäre sie aus einem Stummfilm herausgetreten oder von einer dieser Säulen gestiegen, wo sie einen bronzenen Olivenzweig gehalten und Licht und Schatten geworfen hatte.« Sie erinnert ihn an ein Gemälde. Vielleicht an eins, das er nur geträumt hat.
Er lädt sie zu einem Drink ein. »Berthe de Joux«, sagt sie. »Auf die französische Art.« Dann bringt sie ihm bei, wie man Absinth serviert, wie man Eiswasser auf einen Zuckerwürfel und durch einen geschlitzten Löffel tröpfelt, wie das Getränk sich milchig verfärbt und nach Wermut, Steppenraute und Anis riecht. Noch mehr aber ist es ihr Parfüm, das ihn einhüllt wie einen Mantel, zart ist wie ein Spinnwebfaden, dunkel, wie eine Blume, die nur in der Nacht blüht. Dann streift sie ihn. Eine einzige, winzige Berührung nur. Es reicht, um ihn zu vergiften …
Was folgt, ist amour fou. Diese Frau muss er wiedersehen. Mit ihr will er sein. All die Anrufe seiner Freundin und ihre Entschuldigungen bleiben vergeblich, auch das Bild, das sie ihm schickt, Titel »Bettlaken, mit Blut«. Im Leichenschauhaus häufen sich die Wasserleichen, schauerlich ästhetisch beschrieben (»Man spricht von Leichenwachs«), ihre Blutwerte außer Rand und Band. Professionell funktioniert Maddox noch, nun ja, einigermaßen. Gut, dass er einen Freund wie den Gerichtsmediziner Henry Newcomb hat. Ein Inspector namens Kennon kommt ins Spiel, bleibt hartnäckig. Auf Seite 101 erfährt Maddox erstmals ihren Namen: Emmeline. Seine persönliche »grüne Fee«, wie man den Absinth nennt und wie er van Gogh und Toulouse-Lautrec aufgewühlt hat.
Einmal singt sie ihm einen Song von Tom Waits. Einmal lädt sie ihn in ein leerstehendes historisches Haus ein, wo er für sie kocht. Gegrillte Austern und Trüffelrisotto. Sie zu küssen fühlt sich »so selbstverständlich an, als würde man in einem vertrauten Schloss den Schlüssel drehen, eine Tür öffnen und nach Hause kommen«.

Aber natürlich ist hinter dieser Schwelle Abgrund. Nichts als Abgrund. Höllenschlund. Wir kennen unsere Pappenheimer. Kriminalautoren. Regisseure. Hitchcock. Psycho. Vertigo. Herb und feurig wie Absinth. Giftig. Und dann die Stadt dazu. San Francisco. Nebel. Hügel. Obdachlose. Die Brücke. Eine Halbinsel gebrochener Träume. Goldenes Licht. Das alles ist nah am Klischee. Und ganz Absicht. Jonathan Moore ist ein beachtenswerter Autor. Der Gerichtsmediziner Henry Newcomb übrigens kommt in bisher drei Romanen vor, zuletzt uralt im dystopischen »The Night Market«, der im San Francisco des Jahres 2060 spielt. Auch die Malerin Bridget Laurent – jene Frau, die Maddox ein Glas an den Kopf geworfen hat – taucht dort auf und hat sich behauptet.

Alf Mayer

Jonathan Moore: Poison Artist (The Posion Artist, 2016). Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Klappenbroschur, 349 Seiten, 16,95 €.

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