Kara Walker in der Schirn: A black hole is everything a star longs to be

Schirn Presse Kara Walker in ihrem Studio 2019 c Foto Ari Marcopoulos

Kara Walker in ihrem Studio, 2019, © Ari Marcopoulos

Beginnen wir mit einer scheinbar einfachen Frage: Was bedeutet es, eine schwarze Frau in einer weißen Gesellschaft zu sein? Die 1969 geborene Afroamerikanerin Kara Walker, eine der bedeutendsten US-Künstlerinnen der Gegenwart, zeigt uns das jetzt sehr deutlich. In der Schirn lädt sie ein, an ihrem Kara Walker-Kosmos teilzuhaben. Wir als Betrachter*innen werden Teil einer rigorosen Offenlegung der gesellschaftspolitischen Verankerung einer schwarzen Frau in einem weißen Kontext.
Nun, ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Viele ihrer Papierbilder tragen keine Titel, sind Teil eines Gedankenprozesses, der sich in einen künstlerischen Ausdruck transformiert, es sind Skizzen, Notizen, die zu Bildern werden, es ist ein Bewusstseinsstrom, ein Strom der Bewusstwerdung. Mit genau dieser Methode, die sie für sich weiter entwickelt hat, setzt sie sich auch vom herrschenden Kunst- bzw. Vermarktungsbegriff ab, der fertige und verkaufbare Produkte sehen will. Das Skizzenhafte, das Nicht-Fertig-Gedachte, die Entwürfe, die sie scheinbar schnell mit Pastellkreide, Graphit, Tusche und Kohle aufs Papier geworfen hat, versteht Kara Walker als Protest gegen die männlich und weiß dominierte Kunstwelt. Sie selbst sieht ihre Arbeiten eher als volatil, als etwas, was sich ständig ändert, wie sie in dem sehr sehenswerten Interview, welches die Schirn auf ihrem YouTube Kanal zeigt, erzählt. Und sie hofft, dass die Zuschauer*innen das ebenso sehen und sich den Möglichkeiten öffnen, »den wellenartigen Prozess des Lebens und Fühlens« nachzuvollziehen. Mehr noch: Zeichnen bedeutet für sie etwas Existenzielles, eine Vergewisserung, dass sie existiert.
Diese insgesamt 650 Papierarbeiten waren nie für die Veröffentlichung, nie für ein Museum gedacht, außer ein paar Gemälden, die als solche auch extra ausgewiesen sind. Berühmt geworden mit raumgreifenden Installationen und Scherenschnitten, ist ihr zeichnerisches Werk den Blicken der Öffentlichkeit weitgehend verborgen geblieben, einfach, weil sie es nicht gezeigt hat. Kara Walker hat ihr Archiv für diese besondere Ausstellung geöffnet.
Kosmos meint Kosmos: thematisch schöpft ihre Arbeit aus einer gesellschaftspolitischen Eindeutigkeit: ihre Position als Schwarze in einer weißen Welt, »Black Lives Matter«-Bewegung, Feminismus, weibliche Stärke, alltägliche Formen von Unterdrückung, sexuelle Ausbeutung, Demütigung, Menschenhandel und Sklaverei (sichtbar auch in ihren sehr poetisch gestalteten Stabpuppenfilmen, die in einem Extraraum am Ende der Ausstellungsfläche gezeigt werden).
In ihren Werken sind viele kunsthistorische Zitate zu sehen, die zu Bildkompositionen zusammenfließen wie beispielsweise eine Leichenöffnung, bei der man unwillkürlich an Gemälde von Rembrandt und auch Goya denken muss. Nur hier ist es eine schwarze Leiche, die von weißen Männern brutal geöffnet wird, um sie auszubeuten, umrahmt von schwarzen Mummies und Trayvon Martin im Hoodie, dessen Mord die »Black Lives Matter«-Bewegung begründete. (The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam, 2018). In derselben »Wolke« aus 28 Bildern hängt auch eine Komposition, die an Picassos Guernica erinnert.
Sie will keine zuverlässige Geschichtenerzählerin sein, spielt mit Zeitebenen und Perspektiven. Je stärker man sich in ihren Kosmos versenkt, je genauer man z.B. die bemalten und beschrifteten Papierrollen in den Vitrinen betrachtet, desto deutlicher werden aber auch ihr Humor und die satirische Brechung von Stereotypen und Klischees: sie greift Bilder auf, die Weiße für schwarze Frauen gefunden haben: runde Hintern, spitze Brüste, dicke Lippen und eine Folklore-Frisur à la big Mummy. Das wirkt witzig, spöttisch, einfach souverän. Und vieles bleibt rätselhaft in der Zusammenstellung. Durchaus beabsichtigt: Kara Walker liebt das Assoziative.
Davon lebt auch ihr Barack Obama-Zyklus aus vier großformatigen Gemälden. Als afrikanischen Krieger mit Fellumhang hat sie ihn gemalt, als gepeinigten Heiligen Antonius, als Othello im Theaterkostüm, der den Jago (Donald Trump) zerstört – und als einzige Hoffnung in einem sich verdüsternden Himmel.

Susanne Asal (Foto: ‘merica 2016, 2018, © Kara Walker)

In der Schirn bis zum 16. Januar, Di., Fr.–So., 10–19 Uhr; Mi., Do., 10–22 Uhr, umfangreiches Begleitprogramm
www.schirn.de

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