Von Frauen in Palermo und Liebe zu Orangen – die neue Saison 2026/27 der Oper Frankfurt
Ein Vierteljahrhundert überaus erfolgreich die Geschicke einer großen kulturellen Institution zu leiten ist außergewöhnlich: Bernd Loebe hat als Intendant der Oper Frankfurt ein enormes Gespür für besondere Musiker- und Sänger*innen-Talente, für vergessene oder selten aufgeführte Werke und hat »sein Haus« während der 25-jährigen Tätigkeit sieben Mal zum »Opernhaus des Jahres« küren dürfen. Chapeau!
Auch die Ankündigungen für die neue Saison 2026/27 lassen aufhorchen: 450 Veranstaltungen sind geplant, davon 175 Musiktheatervorstellungen. 8 Neuinszenierungen sind angekündigt.
So wird der 2025 mit »Alcina« und »Giulio Cesare« begonnene Zyklus mit Opern von Georg Friedrich Händel fortgesetzt mit »Ottone – Re di Germania« (11.10.) und »Flavio« (19.12.).
Der 23-jährige Mozart begann sich mit seinem Fragment gebliebenen Singspiel »Zaide« aus den Diensten (der »Sklaverei«) des Erzbischofs Colloredo in Salzburg zu lösen. Das erst 1886 in Frankfurt(!) uraufgeführte Werk wird am 30.9. im Bockenheimer Depot zu erleben sein, ergänzt durch Auszüge aus Mozarts Schauspielmusik zu »Thamos, König von Ägypten«.
Peter Tschaikowski schuf mit »Mazeppa« (nach einer Vorlage von Puschkin) eine düstere Opern-Parabel auf die Vorherrschaft des russischen Zarenregimes in der Ukraine zu Beginn des 18. Jahrhunderts – aktueller könnte ein Opernstoff nicht sein (Premiere am 13.9.).
Die einzige Oper des französischen Spätromantikers Ernest Chausson, »Le Roi Arthus« thematisiert das Ende der Ritter der Tafelrunde (Premiere am 8.11.). Verdis Melodram »Ein Maskenball« folgt, neu inszeniert, am 6.12.
Nach Jahrzehnten ist mal wieder »Die Liebe zu den drei Orangen« des jungen Sergei Prokofjew auf dem Spielplan (14.2.27), eine Märchenoper aus dem Dunstkreis der Commedia dell´arte, die mit Sarkasmus und Ironie nicht geizt.
Gespannt sein darf man auf »Battaglia – Die Frauen von Palermo«. Die Komponistin Lucia Ronchetti blickt in diesem Auftragswerk der Oper Frankfurt (Premiere 6.6.27) zurück auf die 1990er-Jahre und die rivalisierenden Banden der Mafia. Die Pressefotografin Letizia Battaglia lieferte nicht nur bewegende Bilder, sondern engagierte sich im Kampf gegen die Mafia. Ronchetti ist schon fast so etwas wie die Hauskomponistin, hat sie doch bereits 2021 »Inferno« (nach Dante) komponiert und jüngst einen Prolog zu Puccinis »Turandot«.
Über all das hinaus wird es erfolgreiche Wiederaufnahmen der letzten Spielzeiten geben, Familienworkshops, Oper für Kinder, kostenlose Open-Intermezzi am Mittag, ausgewählte und ebenfalls kostenlose Schlussproben (Sneak in), die Einblicke in den Arbeitsprozess einer Oper gewähren.
Besondere Ermäßigungen wie eine Operncard, aber auch die Junge Operncard für Menschen bis 30 Jahre sollten einen Schub geben, sich auf das Erlebnis »Oper des Jahres« immer wieder einzulassen.
Der Karten-Vorverkauf beginnt am 24.6.2026.
www.oper-frankfurt.de
Poltisches Engagement – musikalisches Denken: Hans Werner Henze »Voices«
Einer der bedeutendsten, aber auch streitbarsten und nicht unumstrittenen Komponisten des 20. Jahrhunderts war Hans Werner Henze (1926–2012), dessen Geburtstag sich im Juli zum 100. Mal jährt. Nach dem Studium bei Wolfgang Fortner, der sich den neu aufgekommenen Strömungen der Wiener Schule um Arnold Schönberg und der seriellen Musik verweigerte, und bei René Leibowitz in Paris hat sich Henze auch bewusst mit der Zwölftontechnik auseinandergesetzt. Dennoch hat er für sich selbst in unzähligen Bühnenwerken, Sinfonien, Vokalwerken kompositorisch wechselnde Stile entwickelt, die im besten Sinne als eklektisch bezeichnet werden können. Seine Opern und Oratorien, die sich häufig mit politischen Themen auseinandersetzen (die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts waren u.a. von Revolutionen, Aufständen, Guerillakriegen in Lateinamerika, in Kuba geprägt, von Aufständen in Nord- und Südvietnam und das maßlose und folgenschwere Eingreifen der USA in die Geschehnisse, um dem weltweiten »Kommunismus« Einhalt zu gebieten). Es war die Zeit sog. Helden wie Che Guevara, eines Fidel Castro, des Vietkong. Es drängte hierzulande viele Intellektuelle dazu, das Wort für die aufständischen Bewegungen zu ergreifen. Darunter Größen wie Enzensberger und – Hans Werner Henze, der sogar der Kommunistischen Partei beitrat. In diesen 1970er Jahren entstanden seine gesellschaftskritischen Werke »Das Floß der Medusa« (Simon Rattle setzte das Werk jüngst konzertant in München aufs Programm), die Oper »Wir erreichen den Fluss« und »Voices«, ein Liederzyklus:
22 Lieder für Sopran, Tenor und 15 Musiker werden in der Alten Oper zu erleben sein. Weit und breit die wohl einzige Referenz für den Jubilar Henze aus dessen riesigem Werk. Zu danken ist dies dem progressiven Ensemble Modern und dem Dirigenten Ingo Metzmacher, der sich ja stets mit Verve in Werke stürzt, die außerhalb ausgetretener Pfade liegen.
Die 22 Lieder enthalten u.a. Texte von Ho Chi Minh(!), Bert Brecht, Erich Fried, auch Enzensberger und viele mehr. Man darf gespannt sein, wie diese Kompositionen im Kontext der weltweiten Entwicklungen heute zu verstehen sind. Bei der Uraufführung 1973 in Wiesbaden sprach der Kritiker Gerhard R. Koch vom neuen »Lied von der Erde« …
O-Ton Henze: »Die Auswahl der Gedichte und ihre Anordnung reflektieren mein persönliches politisches Denken und mein emotionelles politisches Engagement, und so sind es weniger literarische Inhalte oder musikalische Strukturen als vielmehr dieses politische Denken und dieses Engagement, die der Sammlung ihren Zusammenhalt geben. Manchmal beabsichtigte ich hochentwickelte postserielle Strukturen zu verwenden und ihnen einen Inhalt zu geben, mit anderen Worten: abstrakte Elemente zum Vehikel einer konkreten Aussage werden zu lassen. Direktere Gestaltungsmittel schließen Jazz, Aleatorik und Elemente des Musiktheaters ein.«
Wir sind gespannt!
Termin: 12. Juni, 20 Uhr,
Alte Oper, Mozartsaal
www.alteoper.de
Unbeschwerte Sommertage – Trompete melancholisch
Die Literatur für Trompete und Orchester ist sehr begrenzt. Bekannt sind vielleicht die Konzerte von Joseph Haydn oder Johann Nepomuk Hummel, Georg Philipp Telemann und Vivaldi (sogar für zwei Trompeten!) – in neuerer Zeit Bernd Alois Zimmermann mit seiner mythischen Komposition »Nobody knows the trouble I see«. Umso erfreulicher eine neue CD-Produktion des hr-Sinfonieorchesters mit seinem vielfach preisgekrönten Solotrompeter Sebastian Berner als Solisten.
Unter dem Titel »Héritage« (Erbe) versammelt die CD belgisch-französische »Trompetenakrobatik«, wie´s in der Programm-Beschreibung avisiert wird – wobei die ausgesuchten Kompositionen doch eher melancholisch daherkommen. Allenfalls die Kadenzen des Concerto von Henri Tomasi und ein Allegro marcato des Trompetenkonzerts von Léon Stekke verlangen so etwas wie artistische Fingerfertigkeit, die Sebastian Berner in hohem Maße besitzt; und die sich eher immer wieder zurücknimmt zugunsten spätimpressionistischer Farbigkeit, eindrucksvoll gestaltet in sechs »Chants de Kervéléan« (arrangiert für Trompete und Orchester), Lieder, die der elsässisch-französische Komponist Charles Koechlin den einfachen Gesängen der Bretagne nachempfunden hat. Wenn in diesem Werk die Ruhe und die Gerüche der Natur zu hören sind, so ist das allein schon in einer Zeit des Lärms die Anschaffung dieser CD wert. Und, wie zu lesen ist, handelt es sich bei der Komposition von Charles Koechlin in dieser Orchesterfassung um eine Welt-Ersteinspielung.
Joseph Jongen und Forent Schmitt sind die beiden weiteren Komponistennamen, deren Werke durchaus als Kultur-»Erbe« gelten dürfen, zumal das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Elias Grandy und Solist Sebastian Berner sich dieser musikalischen Entdeckungen sehr einfühlsam annehmen.
