Landungsbrücken: Ankunftshalle T zeigt Thomas Melles »Bilder von uns«

An Erwachsenenbeine können sich wunderbare Kindeserinnerungen knüpfen. Insbesondere an die der Mütter, als Schutz und Sicherheit gewährende Fluchtorte. Weit weniger Schönes offenbart der Blick von unten in Thomas Melles Bühnendrama »Bilder von uns«. Die Reminiszenz des Schabens an Hosenbeinen drängt sich dem Protagonisten Jesko ein ums andere Mal schmerzlich auf, nachdem ihm anonym ein Foto auf sein Handy gepostet wurde, das ihn selbst als Knabe in einer Nacktpose zeigt. Um die zwölf war er da, am »Franz Xaver Kolleg« in der Obhut des längst verstorbenen Lehrenden, Pater Stein. Jahrzehnte ist das her, heute ist Jesko ein weithin bekannter, einflussreicher Medienmanager im Zenit seiner Karriere.
Melles Stück ist von einem realen Fall am Aloisius Kolleg in Bad Godesberg inspiriert und geht nicht den Tätern nach. Es lässt auch die Institution, die solches nicht nur in seiner Geburtsstadt Bonn, sondern auch in der Heppenheimer Odenwaldschule und anderswo möglich machte, völlig außen vor und interessiert sich stattdessen nur für deren Opfer. Obgleich sich die Handlung um Jeskos Suche nach dem Absender der Fotos rankt, bleibt dieses Whodunit lediglich das treibende Motiv des detektivisch aufbereiteten Plots. Im Fokus des Werks stehen die Verarbeitung des Geschehenen und das, was die Wiederkehr des weitgehend verdrängten Erlebens auslöst – bei Jesko und bei den einstigen Mitschülern, die er aufsucht. Nicht alle haben es, wie er, zu etwas gebracht, nicht jeder ist auf Aufklärung erpicht.
Mit minimalistischem Bühnenbild und personell gewohnt aus dem Vollen schöpfend, geht die der zeitgenössischen Dramatik verpflichtete, freie Frankfurter Theatergruppe Ankunftshalle T das 2016 in Bonn uraufgeführte Werk von Thomas Melle in den Landungsbrücken an. Lange weiße Stoffbahnen winden sich von der Decke herab auf die Parkettbühne, grenzen Räume ab, dienen den Spielenden vielfältig als Hindernis, Falle, Versteck oder Bett und am Ende gar zum Suizid. Unter der Regie von Ferdinand Hecht und Simon Höra begibt sich Tillmann Deselaers als Jesko auf diese Achterbahnfahrt der Gefühle. Er wird dabei begleitet, gebremst, geschubst und angegiftet von Jannek Suhr, Martin Schneider und Matthias Kraut als ehemaligen Mitschülern, von Nuria Garcia Alba als zunehmend von seiner Abkapselung gefrustete Partnerin Bettina und der vom Leben angespülten Affäre Katja (Jana Hingst). Tiefe Verletzungen reißen auf, Traumata und existenzielle Ängste brechen sich Bahn; Scham und Scheu, Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung fluten die Köpfe – nicht nur bei Jesko, nicht nur ab da. Jeder ist seines Unglücks eigener Schmied.
Antonia Bien und Alexander Hellmann steuern den aufwühlenden Gedankenprolog Melles bei; Karla Alpers, Charlotte Michele und Gena Weinlich bestreiten die Erzählpassagen (»Stimmen und Körper«). Komplettiert von Miriam Dolds rätselhaft verhuschter Sandra, gelingt es dem wie aufgedreht wirbelndem Ensemble das gut zweistündige Geschehen überdies wohlartikuliert am Brodeln zu halten. Keine einfache Übung bei diesem weithin actionarmen, durchgängig ernsten und ganz auf die Dialoge und eingestreute Gedanken ausgerichteten Stück, das – dies sei verraten – auch den »Fall« überraschend zu Ende bringt. Ein Spiel, das zu denken gibt und gekonnt unterhält – Theater wie sein sollte. Große Klasse!

Winnie Geipert / Foto: © Christopher Gosch
Termine: 4., 5., 6., 7. Juni, 20 Uhr
www.landungsbruecken.org

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