»Wanda, mein Wunder« von Bettina Oberli

Die Geschichte von der polnischen Pflegekraft, die einer wohlhabenden Familie in Deutschland oder anderen westeuropäischen Ländern zu Diensten ist, wird häufig erzählt. Immer ist das Machtverhältnis klar: hier diejenigen, die Geld haben und jederzeit die Arbeitskraft aus dem Osten durch eine neue ersetzen können, dort Frauen, auf deren Verdienst zumeist eine ganze Familie angewiesen ist.

So beginnt auch diese schweizerische Variation des Themas – um alsbald die ausgetretenen Pfade weit hinter sich zu lassen. Einen ersten kleinen Hinweis, dass sie sich nicht alles so einfach gefallen lässt, liefert die selbstbewusste Wanda (Agnieszka Grochowska) kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz. Die sie erwartende Industriellen-Familie Wegmeister-Gloor und besonders der zu pflegende Patriarch Josef (André Jung) sind sichtlich erfreut. Man kennt sich, vertraut einander und hat mit anderem Personal schlechte Erfahrungen gemacht. Das hält Wanda aber nicht davon ab, mit Hausherrin Elsa (Marthe Keller) einen höheren Zusatzlohn für die Arbeit auszuhandeln, die sie von der gekündigten Haushälterin übernehmen soll.
Der zweite, deutlichere folgt, als wir Wanda nach dem üblichen Waschen, Umkleiden, In-den Rollstuhl-Setzen und ähnlichem auch dabei beobachten können, wie sie mitten in der Nacht gegen ein paar Franken den Hormonhaushalt des Patienten in Ordnung bringt. Das wird Folgen haben.
Denn als Wanda das nächste Mal in die Schweiz kommt, ist sie von Josef schwanger. Das ist nun eine Nachricht die Elsa und ihre Tochter Sophie (Birgit Minichmayr), die Wanda schon immer mit Argusaugen beobachtet hat, in helle Aufregung versetzt. Erst gebärden sie sich wie wilde Furien, später geben sie sich dem ungezügelten Alkoholgenuss hin.
Für die Frauen ist klar, dass die Polin eine Erbschleicherin ist und es nur auf das Geld der Familie abgesehen hat. Dafür hat sie Josef um den Finger gewickelt. Der verlässt mit einem Mal seinen Rollstuhl
, um eigenständig zu stehen und zu laufen. Er erlebt seine dritten oder vierten Frühling und besteht darauf, der Vater zu sein, und redet ständig von »meinem Kind«. Die anderen Männer der Familie scheiden als beruhigende Persönlichkeiten, die dringend benötigt würden, erst einmal aus. Sohn Gregor (Jacob Matschenz) ist der Rolle des Juniorchefs in der familieneigenen Firma nicht gewachsen. Das verhätschelte Muttersöhnchen sammelt ausgestopfte Vögel. Und Sophies Ehemann, der Notar Manfred (Anatole Taubman) macht sich fernab seiner anstrengenden Frau in gutes Leben: Er muss erst herbeigerufen werden, hat allerdings später einen vermeintlich glänzenden Lösungsvorschlag.
Im Grunde geht es in »Wanda, mein Wunder« um Beziehungen, geschäftliche, die zu familiären, und um familiäre, die zu geschäftlichen werden. Anders ausgedrückt: um Beziehungen, die wie Waren zur Disposition stehen. Es ist also kein Wunder, dass mit ihnen ganze Familienkonstruktionen ins Wanken geraten. Und es spricht für den Film, dass nach all dem Wirrwarr ein positives Ende gefunden wird.
Mit der Distanz des beobachtenden Zuschauers ist Bettina Oberlis Film sehr unterhaltsam. Der Regisseurin, die schon mit ihren »Herbstzeitlosen« aufgefallen ist, sind Szenen gelungen, die man je nach Betrachtungsweise tragisch oder schwarzhumorig komisch nennen kann. Nicht nur deshalb ist ihr eine intelligente Tragikomödie gelungen.

Claus Wecker

WANDA, MEIN WUNDER
von Bettina Oberli, CH 2020, 110 Min.
mit Agnieszka Grochowska, Marthe Keller, André Jung, Birgit Minichmayr, Jacob Matschenz, Anatole Taubman
Komödie
Start: 13.01.2022

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