Es gibt zwei Arten von Familie. Die eine kann man sich nicht aussuchen, man wird in sie hineingeboren. Die andere bilden die Menschen, mit denen man sich umgibt. Bei Mike D, mit bürgerlichem Namen Michael Louis Diamond, zählen dazu seine beiden Bandkollegen bei der Hip-Hop-Gruppe Beastie Boys. Mit diesen sei er enger verbunden gewesen als mit seinen Verwandten, erzählt der 60 Jahre alte New Yorker Sänger und Rapper.
Beide Bedeutungen werden in einer Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt beleuchtet, deren künstlerische Leistung der Musiker innehat. »Mishpocha. The Art of Collaboration«, so ihr Titel, sei »sehr ästhetisch« und spreche »sinnlich« an, sagt Mirjam Wenzel, die Direktorin der Einrichtung. In vier Sälen wird das Thema unterschiedlich beleuchtet. Zuerst erklären in einer Soundinstallation von Jan Ove Hennig 30 Menschen verschiedener Herkunft, was das Wort »Mischpoke« für sie bedeutet. In Deutschland ist es mit einer negativen Konnotation verbunden. Anderen ist dieser Beigeschmack fremd. Im zweiten Raum geht es in mehreren Kunstwerken vor allem um die eigenen Wurzeln, um Erinnerungen und Abschiede. Die in Usbekistan aufgewachsene, 1990 nach Israel ausgewanderte Künstlerin Ira Eduardovna zeigt in »The Library Room«, wie ihre Familie in fester Abfolge einen Gegenstand nach dem anderen für den Umzug verpackt. Der Vater benennt das jeweilige Teil, die Mutter legt es heraus, eine Tochter schlägt ihn sorgfältig in Zeitungspapier ein. Das Kreuz, auf dem das Video läuft, könnte man wohl als Koffer zusammenfalten. Jessica Ostrowicz hat zerborstene Teller aus dem Nachlass ihrer Großmutter mit kleinen Kieseln an den Bruchkanten ergänzt, die an das jüdische Ritual erinnern, Steine auf die Gräber von Verstorbenen zu legen.
Selbst Hand anlegen können die Besuchenden im nächsten Zimmer. Unter dem Motto »Mix« lassen sich an einem Mischpult das Licht und die visuellen Effekte einer 360-Grad-Installation verändern, die musikalische Genres erfahrbar macht. Szenen aus dem Frankfurter Nachtleben ergänzen den Eindruck. Noch kreativer sollen die Gäste beim Finale werden, wenn sie im Raum »Play« an vier Stationen selbst die verschiedenen Facetten der elektronischen Musik miteinander kombinieren können. Mithilfe von Tasten und der eigenen, verfremdeten Stimme entstehen individuelle Kompositionen. Allein lassen sich die Harmonien, Beats und Atmosphären aber nicht zusammenführen. Es bedarf einer Gemeinschaft, einer Kollaboration.
Diese sei für sein Schaffen immer besonders wichtig gewesen, sagt Mike D. Crossover bildete das Fundament seiner Kunst und jetzt auch dieses neuen Projektes, an dem noch viele andere mitarbeiteten. Schon vor vielen Jahren sei man an sie mit der Idee herangetreten, etwas zu den Beastie Boys zu machen, erzählt Wenzel. Aber ihr Haus pflege keine Expositionen über noch lebende Menschen, sondern wolle mit ihnen etwas schaffen. So wurde der Gedanke erst durch die Beteiligung des Protagonisten reizvoll. Die Planung sieht vor, dass sich in der wärmeren Jahreszeit noch viel mehr Menschen dazu aufgefordert fühlen, sich zu beteiligen. Eine Open Stage vor dem Gebäude neben einer Skulptur von Deborah Kass, die den jiddischen Ausdruck »Oy« mit dem Slang-Gruß »Yo« verbindet, soll nicht nur zu Poetry Slams, Vorträgen und Konzerten locken. Jeder und jede darf dort gerne auch etwas Eigenes probieren und so vielleicht neue Beziehungen knüpfen. Den internationalen Erfolg seiner Band, sagt Mike D, »konnten wir nur dank der großartigen Menschen erreichen, denen wir begegnet sind und mit denen wir zusammengearbeitet haben«. Auch anderen würde er diese Erfahrungen gönnen.
Mehr als Familie – »Mishpocha. The Art of Collaboration« im Jüdischen Museum