»Divorced, beheaded, died, di-vorced, beheaded, survived« – dieser Spruch ist auf der britischen Insel in Schulen geläufig, um sich das Schicksal der sechs Frauen von Heinrich VIII. zu merken. Vielen ist der Tudor-König nur noch deshalb bekannt, weil er es mit dem Großteil seiner Gattinnen irgendwann nach der Heirat nicht mehr gut meinte, zwei von ihnen hinrichten ließ und bei zweien die Scheidung erzwang, was im Fall von Katharina von Aragón, der Ersten im Bunde, zur Lossagung Englands von der katholischen Kirche führte. Die beiden Cambridge-Absolventen Toby Marlow und Lucy Moss haben darüber noch als Studenten ein Musical geschrieben, das die Königinnen in den Fokus rückt, sie miteinander darum wetteifern lässt, welche von ihnen am meisten unter dem größenwahnsinnigen Herrscher litt und welche sich in der Gunst des Publikums am höchsten singt. »Six«, so der Titel des 2017 uraufgeführten Werkes, präsentiert die Queens in einer Art Popkonzert, in dem sie sich im Stil von Stars wie Beyoncé präsentieren und aus ihrem jeweiligen Leben erzählen, mit viel Humor und Selbstironie in mitreißenden Songs.
Die weltweit gefeierte, englischsprachige Produktion aus dem Londoner Westend, die zwei Tony Awards erhielt und deren Album für einen Grammy nominiert war, gastiert nun zum ersten Mal in Frankfurt, genauer in der Alten Oper. Bei ihrem Premierenbesuch in Deutschland 2024, damals in Berlin und München, wusste dem Publikum vor allem der eher einfach gestrickte Song »House of Holbein« zu gefallen, eine satirische Hommage an den deutschen Maler, der unter anderem das Porträt von Heinrichs vierter Frau, Anna von Kleve, anfertigte, das den Monarchen dazu animierte, die Prinzessin aus Düsseldorf zu ehelichen. Angeblich enttäuscht von dem Aussehen der Auserwählten, ließ er die Verbindung aber nur ein halbes Jahr später für ungültig erklären und kritisierte das Gemälde als nicht wirklichkeitsgetreu. So fand Anna von Kleve zwar als »die Hässliche« Eingang in die Geschichte, durfte sich dafür allerdings, finanziell gut abgesichert, weiter ihres Lebens erfreuen, was in der Nähe des unberechenbaren Despoten keine Selbstverständlichkeit war. All das wird in der 75 Minuten langen Show aufs Korn genommen.
Mit viel Liebe zum Detail wurden die starken Frauen ausgestattet, die aufwendig hergestellten, teilweise sehr schweren Kostüme, für die es in der britischen Hauptstadt eine eigene Werkstatt gibt, unterstreichen den jeweiligen Charakter. Frech und frivol geben die Protagonistinnen, die von einer ebenfalls weiblich besetzten Live-Band begleitet werden, ihre Geschichten zum Besten. Das Arrangement im Girl-Group-Style spricht nicht nur Hobby-Historiker, sondern auch ein junges Publikum an. Geschickt wurde das ursprünglich für das als Sprungbrett in die Branche bekannte Edinburgh Fringe Festival kreierte Musical auf dem Weg zu einer professionellen Produktion vermarktet. Einige der Songs wurden schon vorher in den Sozialen Medien beworben und verbreitet. Moss durfte mit »Six« im Alter von 26 Jahren als bislang jüngste Regisseurin am Broadway in New York reüssieren.
Auf die Idee mit den »Ex-Wives« waren sie und Marlow gekommen, weil sie auf der Suche nach einem Thema waren, das in einer männlich dominierten Comedy-Szene, wie sie sie in ihrem Umfeld erlebten, ihren talentierten und »außergewöhnlich« witzigen Freundinnen eine Plattform bieten sollte. Als Studenten der Anglistik und Geschichte lag das Sujet nahe. Nun hat das Duo eine unterhaltsame Unterrichtsstunde geschaffen, die dafür sorgen wird, dass auch im Rhein-Main-Gebiet viele bald ein ganz anderes Bild von den Power-Frauen haben.
Sechs Power-Frauen – Das Musical »SIX« in der Alten Oper