Wahrlich, wir leben in komplizierten Zeiten; so sehr, dass unserem Bundeskanzler noch das Unmissverständlichste als »komplex« erscheinen muss. Vielleicht gerade deshalb mag sich die Wahrheit gelegentlich in sehr einfachen Geschichten zeigen. Oder in Geschichten, die sehr einfach erscheinen.
Dies also ist die einfache Geschichte von Suleyman Sangaré (gespielt von Abou Sangaré, der dafür sehr zu recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde): Nach der Flucht aus Guinea nach Frankreich wartet er auf sein Anhörungsverfahren zum Asyl-Status, und verdient etwas Geld als Fahrradkurier. Das kann er nur machen, weil er sich des Kontos eines anderen bedient, den er dafür bezahlen muss, denn ihm ist das Arbeiten eigentlich verboten. Diese Illegalität macht ihn erpressbar; Souleyman muss Ausbeutung, Demütigung und Gewalt hinnehmen. Er hetzt auf seinem Fahrrad durch Paris, immer in Sorge, am Abend den Bus zu verpassen, der ihn in die Flüchtlingsunterkunft bringt.
Der Film schildert die 48 Stunden vor der entscheidenden Anhörung. In dieser Zeit erlebt er einen Unfall, versucht sich eine falsche Fluchtgeschichte einzuprägen, verliert seinen Job, kann das Geld für die notwendigen Papiere nicht aufbringen, spricht mit seiner kranken Mutter in Guinea, die nur von der Hoffnung auf seine Rückkehr aufrecht erhalten wird, muss eine kalte Nacht in Paris hinter sich bringen, weil der Busfahrer ihn nicht mehr aufnimmt und trennt sich in einem nächtlichen Telefonat von seiner Freundin, um sie davon abzuhalten, ebenfalls die Lebensgefahr einer Flucht auf sich zu nehmen. Ob am Ende sein Asylgesuch angenommen wird, erfahren wir nicht, wohl aber, dass mit einer standardisierten erfundenen Story nicht weit zu kommen ist. Das ist die zweite Bedeutung des Filmtitels: Es ist die einfache Geschichte eines geflohenen in einer Stadt, deren Bewohner nicht einmal besonders bösartig sind, nur mit ihrem eigenen Status und ihrem eigenen Überleben beschäftigt. Es ist der Versuch, sich eine erfundene Geschichte anzueignen. Und es ist die Geschichte, die wirklich seiner Flucht zugrunde liegt, und die nun eben komplizierter ist als die üblichen Klischee-Vorstellungen.
Dass das Fahrrad das essentielle Fortbewegungsmittel und zugleich Arbeitsgerät ist, lässt natürlich direkt an den Klassiker des Neorealismus, die »Fahrraddiebe« denken. Und tatsächlich ist es die empathische Menschennähe und die cineastische Ehrlichkeit, die auch den Film von Boris Lojkine so prägt, dass man meint, man wäre einfach dabei, auf den drangvollen Straßen mit den Gefährdungen von Verkehr und Polizei, in den engen Unterkünften, in denen man nicht einmal genug Zeit bekommt, seine Wäsche zu waschen, in den Bussen und Metro-Zügen oder in den Warteräumen der Bürokratie. Und wie in den Filmen des Neorealismus geht es auch hier darum, nicht Helden gegen Schurken auszuspielen, sondern Menschen in Verhältnissen von Abhängigkeit und Macht zu begleiten. Deswegen geht es auch weniger um Mitleid, als um Solidarität.
Dabei sind die Fahrradfahrten durch Paris, die das erste Drittel des Films bestimmen, durchaus atemberaubend; auch Kamera und Ton befanden sich auf Fahrrädern, die sich auf manchmal halsbrecherische Weise über Kreuzungen und zwischen Automobilen hinter dem Rad des Hauptdarstellers her bewegen. Souleymans Kurierfahrten durch Paris übertragen sich so ganz direkt auf das Empfinden beim Zusehen: Man spürt Anstrengung, Gefahr und eine Schutzlosigkeit, die sich schließlich in der letzten Station seiner abendlichen Essenslieferungen zeigt: eine Polizeistreife. Und auch diese Polizisten sind roh, aber keine Unmenschen. Vielleicht ist auch einfach ihr Hunger größer als ihr Verfolgungseifer.
Das zweite Drittel des Films, das von den verzweifelten Versuchen Souleymans handelt, an das versprochene Geld für seine Arbeit zu kommen, um die notwendigen Papiere bezahlen zu können, hat einen ganz anderen Bewegungsrhythmus. Nun ist man zu Fuß und in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Kälte, Dunkelheit und Isolation werden auf andere Weise spürbar. Im letzten Drittel schließlich kommt die Bewegung zum Stillstand. Das Anhörungsverfahren, Souleymans Versuch, die angelernte Geschichte glaubhaft zu machen, die Reaktion einer durchaus zugewandten Behörden-Angestellten und schließlich die zunächst stockende Erzählung seiner wirklichen Geschichte, das alles wird geduldig, quasi in Echtzeit wiedergegeben. Dann tritt Souleyman wieder auf die Straße; vielleicht als ein etwas anderer als zuvor.
Hinter der einfachen Geschichte steckt ein kompliziertes Menschen-Schicksal. Und hinter einer neorealistisch direkten Erzählweise steckt ein gehöriges Maß an cineastischer Raffinesse. Es ist hier, in einer hervorragenden Zusammenarbeit von Regie und (teils autobiographischer) Darstellung aus einer einfachen Geschichte ein großer Film geworden.
