Starke Stücke Open Air: 15 Gruppen, 38 Produktionen in 14 Städten

Wer in den nächsten Wochen außer Haus geht, darf sich nicht wundern, wenn ihn – oder sie – gleich um die Ecke – schmatz! – die Muse küsst. Die ist jetzt nämlich überall anzutreffen, weil sich der pandemische Kulturstau in einer regelrechten Festivalflut vor allem öffentlich entlädt – unter freiem Himmel, an der frischen Luft, openair. Und ganz verschiedenst.
Dazu trägt ganz wesentlich die frisch und eilig kreierte Sommer-Edition des Kinder- und Jugendtheaterfestivals »Starke Stücke« bei, der umstände-bedingt zum üblichen Termin im März ein digitales Programm vorausging. Ein Schnellschuss mit beachtlichem Ergebnis, das dieses Mal weniger an Schulen, sondern an Familien in der Ferienzeit gerichtet ist, teils ind Parks, auf Wiesen und öffentlichen Plätzen gezeigt wird und den geänderten Bedingungen des Spielens Rechnung trägt. Knapp 40 Produktionen werden teils mehrfach und vielerorts von 28 Veranstaltern rund 100 Mal in 14 Städten des Rhein-Main-Gebiets gezeigt. Der große Träger des Events heißt nicht umsonst Kulturregion FrankfurtRheinMain (kfrm). 1621
Gewichtiger als sonst sind die Beiträge regionaler Gruppen. Doch ein bisschen international, darauf ist man stolz, ist das Festival aber geblieben. Zum einen trägt Benoit Sicat dazu bei, der zum wiederholten Mal aus Rennes zu den Starken Stücken anreist: Seine neueste Arbeit »L’Echo d’Eole« (Das Echo des Windes) ist eine Installation aus Instrumenten, die er in der Obermainanlage Frankfurt (der Park mit Weiher hinter dem Literaturhaus) und im Friedberger Rathauspark präsentiert. Das frei besuchbare Klangspiel ist für Menschen ab drei Jahren, nach oben offen, konzipiert und bestreitet am 2. Juli um 15 Uhr den Frankfurter Auftakt der Spiele.
Nicht minder naturnah die »Angeli di terra« (Engel der Erde) des Scarlattine Teatro aus Norditalien. Aber eben doch total anders, man beachte nur, dass die Gruppe sich nach einer Kinderkrankheit – Scharlach – nennt! Die Akteure erscheinen mit Schutzbrillen und einem mit Erde gefüllten Eimer ausgerüstet und treten in Kontakt mit einem metallenen Apparat, der die Inhalte des Eimers geräuschvoll zu verarbeiten beginnt. Eine alchimistisches Ritual beginnt, dunkel, dunkel, das Erde in Musik transformiert und mit der Geburt einer Pflanze endet. »Dystopisch zwar auf den ersten Blick, dann aber berührend, hoffnungsvoll und durchaus auch witzig«, kündigt Festivalmacher Detlef Köhler an. Für Kinder ab sechs Jahren vom 9.–11. Juli im Hof des Theaterhauses Frankfurt.
Die Eröffnung der Starken Stücke ist einem Stammgast aus Bonn, dem Theater Marabu vorbehalten. Dessen Produktion »M.O.D. Master of Desaster« handelt von jenen Menschen, die unsere Gemeinwesen in Schuss halten, von der Müllabfuhr über die Straßenreinigung bis zum Gartenamt. Ein lustiger, musikalischer Trupp – mit Mitgliedern des Bonner Beethoven-Orchesters! – der plötzlich in eine bedrohliche Situation gerät, weil da plötzlich etwas auftaucht, von dem niemand weiß, was es enthält und wie man das gefahrlos herausfindet. Wie die drohende Katastrophe zu verhindern ist, zeigt das sechsköpfige Ensemble am 2. Juli in Schwalbach, am 3. Juli in Niederrad und am 4. in Darmstadt (Centralstation).
Experimentelles Theater wird von der imaginary company praktiziert. Ihre Produktion »Die Verhandlung« lädt Jugendliche ab 13 Jahren zum jeweils individuellen, von einem Performer begleiteten Besuch einer Gerichtsverhandlung am Oberlandesgericht Frankfurt ein und fertigt aus den Beobachtungen ein Porträt des Gerichts. Die Teilnahme bedarf freilich der Anmeldung.
Keine Frage, dass da für jeden was dabei ist. Vielfach bei freiem Eintritt sogar. Zur Fülle von Sprech-, Tanz-, Figuren- und Musiktheaterstücken, Konzerten, Performances, Installationen und auch Audiowalks tragen auch die heimischen Gruppen stark bei: von den Ensembles des Theaterhauses und der Grünen Sosse, über das Figurentheater Eigentlich und Liora Hilbs La Senty Menti bis hin zur Theaterperipherie und der Ankunftshalle T.
Also nichts wie hin mit den Lütten oder auch ohne sie, zumal die Entwicklung im Herbst noch nicht abzusehen ist. »Wir wissen nicht, was uns bei einer Vierten Welle erwartet«, weist Detlef Köhler vom Theater Grüne Sosse insbesondere auf die noch immer offene Impflage für Kinder.

Winnie Geipert
(Foto: Angeli di terra campsirago
© Leon Biagi)
www.starke-stuecke.net

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