Sven Regeners neuer Roman »Frankie und Freddie«

Der Mann macht Musik. Und gute Laune. Und schreibt. Und schreibend spricht er, wie ein Wasserfall. Über Gott und die Welt. Was auch gute Laune macht. Und die Melancholie, die alles durchdringt, fast übertönt. Eben Regener, wie er leibt und lebt und schreibt, seit 2001, seinem ersten »Herr Lehmann«, dem dann viele Lehmanns folgten. Der (bislang) letzte eben jetzt.

Frank Lehmann ist vor ein paar Wochen von Bremen nach Berlin gezogen. Sein fünf Jahre älterer Bruder Freddie, der eigentlich Manfred heißt, wohnt schon seit einigen Jahren in einer WG in Kreuzberg. Und gleich geht es hochtourig los.
Freddie hat, weil er wohl auch Geld braucht, an einer »klinischen Studie über Medikamente« teilgenommen. In einem sogenannten Probandenhotel am Ku’damm sollte er Antidepressiva testen. Die Studie wurde einen Tag vor Weihnachten beendet. Frank hatte ihm versprochen, ihn abzuholen, in seinem nicht mehr ganz neuen Kadett. Das Auto war schon lange nicht bewegt worden. Es springt nicht an. Dafür die Handlung. Probleme über Probleme. Eine echte Odyssee beginnt, durch das eiskalte, schneereiche Berlin von 1980. Karl Schmidt, ein WG-Genosse, soll helfen. Er hat einen Job als »Schneeräumungsbereitschaftsmann« und verfügt deshalb über ein funktionierendes Fahrzeug. Als Frank, Karl und dazu die WG-Genossin Chrissie den wartenden Freddie im »Hotel« abholen wollen, erscheint plötzlich auch noch ein Artsy-Fartsy. Freddy kennt ihn von der Kunsthochschule her. Dieser Artsy-Fartsy dient gewissermaßen als Brandbeschleuniger. Hätten sie ihn nicht mitgenommen, wäre das ganze Durcheinander, die unzähligen Missverständnisse, nie passiert.
In Kreuzberg angekommen, vermisst Freddie seine kleine Tasche, und zwar: mit Flugticket nach New York, mit seinem Pass und seinem Visum. Er hatte sie sicherheitshalber in diesem »Hotel« unter die Matratze gelegt und dort natürlich vergessen. Das Zimmermädchen hatte sie aber gefunden und Artsy-Fartsy mitgegeben. Damit nicht genug. Denn dieser Windbeutel hatte wiederum seine eigene Tasche zusammen mit Freddys Ticket in Karls Auto vergessen, als er unterwegs ausgestiegen war. Schon ein bisschen Dick & Doof.
Und, entsprechend, viel Aufregung. Kaum ist ein Problem gelöst, ist ein neues da, oft nicht nur eins. Die Mitbewohnerin in der WG, Chrissie, hat eine echte Grippe. Frank und Chrissie sind heftig ineinander verliebt. Er will ihr ein Grippemittel aus der Apotheke besorgen. Sven Regener macht daraus eine exakt konstruierte, auch verrückte, jedenfalls völlig überdrehte Geschichte (in der Art genauer Sozialkritik). Die Apothekerin nennt ihm nämlich ein Mittel, fügt aber gleich hinzu: »Das wird hier in der Gegend gern genommen. Ist aber scheiße. Nicht zu empfehlen. Macht die Leute frisch, obwohl sie am Arsch sind … Das gibt es nur, damit die Leute weiterarbeiten können, obwohl sie krank sind. Das ist voll der Leistungsgesellschaftsshit! … Speed drauf und da lacht er dann der turbokapitalistische, stets seine Arbeitskraft zur Verfügung stellende, allzeit bereite Lohnsklave.« Genervt fragt Frank: »Was würden Sie denn empfehlen?« »Gar nichts«, lautet ihre konsequente Antwort.
Für die beiden Brüder ist die Zeit in Berlin eventuell die letzte gemeinsame vor einem langen Abschied. »Wer erstmal in New York war, bleibt gerne da.«
Jetzt haben sie auch Zeit für klare Worte über ihr bisheriges Geschwisterleben. Frank hatte Freddie sehr übelgenommen, dass er nach Berlin ging und ihn mit den Eltern in Bremen zurückließ. Freddie verteidigt sich: »Ich war nicht dafür zuständig, dich großzuziehen und ich war nicht dein Leibwächter oder dein Aufpasser oder Beschützer.« Andrerseits hatte Freddie ihn, solange er denken konnte, bevormundet. Egal, ob es ums Angeln, Judo oder Minigolf ging, immer wusste er alles besser. »Warum musst du immer so ein verdammter Angeber sein, immer und immer und immer, das war schon als Kind so.« Doch hier in Berlin ist Frank ganz klar der stärkere und selbstbewusstere. Freddie bekommt sein Leben nicht richtig in den Griff. Und dass auch noch am nächsten Tag Weihnachten ist, wird für die beiden zu einem echten fast unlösbaren Problem. Wo feiern? Zum Glück gibt es da die grippekranke Chrissie. Sie entscheidet, dass die beiden nach Bremen fahren. »Ich sage das! Wegen Weihnachten! Eure Eltern warten da auf euch. Darum ruft eure Mutter doch dauernd an. Da müsst ihr halt da hin.«
Sven Regeners Bücher leben von den Dialogen. Lustig, locker, auch absurd, überzogen und überdreht. Die Typen reden dauernd aneinander vorbei. Die Missverständnisse produzieren Komik. Der Anlass unbedeutend, die Folgen enorm. Urige Typen, und trotzdem, vielleicht deshalb, fiebert man mit. Und am Ende? Weihnachten steht vor Tür.

Sigrid Lüdke-Haertel
Sven Regener: Frankie und Freddie. Roman. Galliani Verlag, Berlin 2026, 288 S., 24 €

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