Heinz Strunks »Memories of Heidelberg«, ein neuer Roman, der alte Tonfall

Sein erster Roman, »Fleisch ist mein Gemüse«, 2004, wurde ein Riesenerfolg und der Autor zum Markenzeichen. Und er hat auch kräftig nachgelegt. Seitdem sind sechzehn weitere Bücher erschienen. Kaum ein Flop dabei. Dafür einige Auszeichnungen, Verfilmungen und lange Aufenthalte auf den Bestsellerlisten. Das muss man erst mal schaffen. »Kein Geld Kein Glück Kein Sprit« wurde sogar mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.

Isolde und Bertram, das leicht groteske Heldenpaar des Buches, ist seit siebzehn Jahren verheiratet. Die beiden lieben Heidelberg. Aber diesmal sind sie nicht in ihrer üblichen Unterkunft, einem renommierten Grand-Hotel abgestiegen, sondern, praktisch nebenan, in einem fünfhundert Euro teuren Boutique-Hotel, direkt am Neckar. Isoldes Mutter wird achtzig und das wollen sie, von Oldenburg angereist, in Heidelberg feiern. Der Verdacht, dass sie sich da auf ein Abenteuer eingelassen haben könnten, kommt ihnen bereits, als man ihnen noch auf der Fahrt dahin mitteilt, dass die Rezeption nach 18 Uhr nicht mehr besetzt ist. Sie könnten sich aber die Schlüssel auf einem ehemaligen Rhein-Neckar-Fahrgastschiff abholen, das direkt neben dem Hotel liegt. Dort wird ihnen auch auf Deck, also unter freiem Himmel, italienisches Essen serviert. Gegen die Kälte sind immerhin Heizstrahler aufgestellt.
So geht es los. Kaum besser geht es weiter.
Das Verhältnis der beiden ist, wie man von Strunk erwarten darf, schon seit einiger Zeit nicht mehr das Beste. Isolde sollen wir uns vorstellen als eine »imposante Frau. Rund und schön und fest und blass«. Er findet sie immer noch »hot«. Doch sie hat sich bereits »sexuell von ihm verabschiedet.« Ihr Kommentar zum Sex: »Ich bin durch mit dem Thema.« Wohl auch aus Frust darüber hat sich Bertram inzwischen anders orientiert: Er ist nämlich »ein leidenschaftlicher Esser« geworden. Er weiß durchaus, seine »selbstmörderische Lebensweise« wird sich rächen. »All der Abfall, den er seit Jahren in seine Eingeweide kippt, die gute Butter, das fette Schmalz, die aus mindestens vier Eiern zubereiteten Omeletts, Käsevariationen mit schwindelerregend hohen Rahmstufen, herzhafte Innereien, tiefgefrorene Menüs, Pizzen und Backwaren.«
Die Beziehung der beiden ist zum Kampfplatz geworden. Sie sind inzwischen in einem Stadium der gegenseitigen Verletzungen, Kränkungen und Beleidigungen angekommen. Gerne fotografiert sie ihn »mit kupferrot dampfendem, übergroßem Hermann-Göring-Kopf« und zeigt ihm dann genüsslich das Foto. Warum haben sie eigentlich noch nie über Trennung gesprochen? »Wie so viele unzulänglich verheiratete Paare bleiben sie jetzt in einer Art Totenstarre zusammen.«
Und ihre Reise, gedacht als schöner Kurzurlaub, wird immer mehr zum Desaster. Isoldes Mutter muss überraschend ins Krankenhaus. Sie bleiben, um in ihrer Nähe zu sein. Sie könnten zwar abends in einem anderen Lokal essen, doch wechseln sie nicht, obwohl sie immer schlechter behandelt werden. Man lässt sie ewig auf das, zudem schlechte, Essen warten. Es gibt, obwohl es deutlich kälter geworden ist, auch keine Heizstrahler mehr. Der Wein, nicht mal wirklich exzellent, ist dafür völlig überteuert. Als dann noch die Kinder des Chefs vom Lokal mit Wasserpistolen auf sie schießen, ist Bertram klar, sie sind die totalen Loser. »Mit der unbarmherzigen Scharfsinnigkeit von Bambinos haben sie in Isi und Berti die perfekten Opfer ausgemacht: ältlich, krank, lahm, zu dick zum Fliehen, geboren, um verarscht zu werden.«
In dieser Darstellung von Pleiten, Pech und Pannen, der Kränkungen, Demütigungen und Peinlichkeiten geht Strunk, wie man ihn kennt, immer in die Vollen. An schwarzem Humor fehlt es ebenfalls nicht. Und am Ende überbietet er sich auch noch selbst.
Eine Elegie der geborenen Opfer. Traurig zum Heulen. Komisch zum Totlachen. Grotesk bis zum Gruseln. Das Ganze musikalisch unterlegt mit Peggy March »Memories of Heidelberg«, die sich wie ein Leitmotiv durch die ganze Handlung ziehen und durchgängig, im Text eines alten Schlagers, die Vision eines glücklichen Lebens anklingen lassen. Der Schlusspunkt, eben Strunk, ist allerdings nur noch makaber. Ein großes Feuer leuchtet über dem Neckar. Vielleicht als kleines Zeichen ausgleichender Gerechtigkeit.

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Dennis Dirksen
Heinz Strunk: »Memories of Heidelberg«, Rowohlt Verlag, Hamburg 2026, 176 S., 23 €

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