Zur Kommissar Martin Schwaner Reihe von Jakob Stein

Wie beginnen bei solch einem Tausendsassa-Autor? Wie potentielle Leser*innen nicht durch Überkomplexität verschrecken? Wer kennt den Frankfurter Autor Jakob Stein? Wer weiß, wie vielfältig er ist?
In der vorletzten Strandgut-Ausgabe hatte ich ihn an dieser Stelle mit dem Frankfurt-Roman »Schuld und Unschuld« vorgestellt. Jakob Stein erzählt darin eine wahre Geschichte aus den Anfängen der Bundesrepublik, Überfall auf die Rentenauszahlungsstelle der Deutschen Bundespost in der Turnhalle im Oeder Weg inklusive – ein Bildungsroman im buchstäblichen Sinne, nämlich vom Werden des Schriftstellers Henry Jäger. Ein Bernemer Bub, in der Fechenheimer Straße 13 in Bornheim aufgewachsen, erst kleinkriminell, dann Bandenchef und Mastermind, im Zuchthaus zum Schriftsteller geworden, hundertster Geburtstag in einem Jahr, am 29. Juni 2027. Frankfurt sollte seine Bücher wieder lesen, das wäre schön.

Oder sollte ich mit einer der schönsten Lesungen beginnen, die ich je eingetütet habe? Kino CasaBlanca in Bad Soden, Sonntagsmatinee im September 2021, die Musikerinnen Nina Hacker (Kontrabass) und Katrin Zurborg (Gitarre), dazu der digital frisch restaurierte Kurzfilm »Die Reise zum Mond« von Georges Méliès mit wahnsinnigen Farben und Ideen – und Jakob Stein mit seinem nicht minder mondfahrenden Roman »Lilienthal oder die Entzauberung des Himmels«. Ein Buch, das Arno Schmidt gefallen hätte, schrieb ich damals. Seines nämlich blieb ungeschrieben, trotz langer Planung. Es hätte sein Großroman werden sollen: über die Sternwarte Lilienthal und den Astronomen Johann Hieronymus Schroeter (1745–1816), der als Sternenbeobachter wahre Pioniertaten vollbrachte. Sein 1793 entstandenes Observatorium am Rande des Teufelsmoors bei Bremen war das größte und hellste Beobachtungsinstrument auf dem europäischen Kontinent. Arno Schmidt blieb im Projekt stecken, Jakob Stein zog es 60 Jahre später durch.
Jakob Stein also, fassen wir zusammen, ist ein ganz und unerschrockener Autor mit ausgeprägt periskopischer Gabe. In seinen Büchern kann er über Ecken und um Hindernisse herumblicken und die Literaturgeschichte wie eine Sternenkarte lesen. Er hat keine Angst vor E und U, vor »ernsthafter« und/oder »unterhaltender Literatur«, er ist da Alchemist und Kriminalromane sind ihm ein ehrenwertes Genre. Er kam ein wenig dazu wie die Jungfrau zum Kind. Seine Reihe mit dem Frankfurter Hauptkommissar Martin Schwaner umfasst mittlerweile acht Bände und es ist höchste Zeit, an dieser Stelle auf diese allesamt sehr ungewöhnlichen Bücher hinzuweisen:
Doppelmord (2013)
Um jeden Preis (2014)
Tödliche Tropfen (2016)
Geschlossene Gesellschaft (2016)
Flucht in den Tod (2017)
Punkt, Linie: Mord! (2023)
Doppelmord, à la carte 2.0 (2024)
11011 … Mord? (2025)

Kriminalroman Nummer 1, »Doppelmord«, erschien zum sechzigjährigen Bestehen der Frankfurter Kleinmarkthalle. Als Novum im Genre hat ihn Jakob Stein inzwischen zweimal geschrieben: »Doppelmord, à la carte 2.0« (2024), dazu gleich mehr. Eigentlich sollte das Buch über die Kleinmarkthalle eine Anthologie werden, Stein hatte festgestellt, dass es zwar viele Mordgeschichten über Frankfurt gab, aber noch keine aus dem »Bauch der Stadt«. Also fragte er bei Autorinnen und Autoren um eine spannende Geschichte zum Thema an, erhielt aber nur Absagen. »Mal fehlte die Idee, mal die Zeit, mal das grundsätzliche Interesse. Da ich das Buch unbedingt haben wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst zu schreiben. So wurde ‹Doppelmord› zum ersten, von mir selbst verfassten Roman und zur Geburtsstunde von Jakob Stein«, verrät er.
Fünf Bücher weiter und entsprechend als Geschichtenerzähler gereift, inzwischen selbst in der Kleinmarkthalle (mit dem von ihm betriebenen »Hessenshop«) ansässig, beschloss Stein, den Roman noch einmal neu zu erzählen, um einige Personen ergänzt und viele Mosaiksteinchen erweitert. Sozusagen ein neues Bild des gleichen Motivs, mit anderen Farben und Pinselstrichen. »Doppelmord 2.0« verbindet nun über eine spannende Rahmenhandlung das gesellige Treiben der Frankfurter Kleinmarkthalle mit dem knallharten Geschäft der Spitzengastronomie. Hauptkommissar Schwaner hat zwei Morde zu klären. Im Kühlhaus Nummer 4 der Frankfurter Kleinmarkthalle liegt erschlagen der Eigentümer des Standes »Valentino – Feinkost und Delikatessen seit 1982«. Tötungsart: erschlagen, erstickt, eingefroren. Ein Trüffel am Tatort wirft zahlreiche Fragen auf, die Händler der Kleinmarkthalle spielen verrückt. Zeitgleich, nur wenige hundert Meter entfernt, schwimmt die Leiche des Sternekochs Mirko Leininger im Main. Selbstmord, lautet die erste (falsche) Diagnose. Der Roman erschien zum 70. Geburtstag der Kleinmarkhalle im Februar 2024.
Buch 2, »Um jeden Preis« (2014), kreist um die Eröffnung des neuen Discounters in einem Frankfurter Vorort und den extremen strukturellen Wandel, den so etwas mit sich bringt. Es geht nicht nur um die nur die umstrittenen Methoden einer Discounterkette, es geht erneut um Geld und seine Macht. Das setzt sich fort in »Tödliche Tropfen«, wo auf dem Flughafen am Rande des Flugfeldes eine Leiche gefunden wird, dies in einem Hitzesommer, unter dem die ganze Stadt stöhnt. (Wohlgemerkt 2016.)
Eingestiegen bin ich persönlich bei Krimi Nr.4: »Geschlossene Gesellschaft«, zufällig war ich am Tag zuvor am komplett trockengelegten Merkurbrunnen am Messekreisel vorbeigekommen. Manchmal sind Passagen in Büchern wie für einen selbst geschrieben, jedenfalls konnte ich gleich auf den ersten zwanzig Seiten überprüfen, wie der Autor Jakob Stein den »sense of place« setzt. Sagen wir es so: Es ist ein fulminantes erstes Kapitel, in das uns der Autor mit einem giftroten Triumph TR4, einer stöckelnden Nebenfigur namens Helen Brand und einem Toten im Brunnen des Götterboten Merkur entführt. Und dann sagt der Polizist Schwaner unvermittelt: »Hermes geht vorüber«, womit man früher einen Moment der Stille meinte.
Einem solchen Kommissar kann man sich anvertrauen. Und einem Buch, das als Motto Joseph Roth zitiert: »Es kommt nicht auf die Wirklichkeit an, sondern auch die innere Wahrheit.« Vom Untertitel wissen wir, es ist »Ein Bücherkrimi«. Der Tote im Brunnen ist ein gewisser »Wolff, Axel Wolff. Er hat irgendwas mit Büchern zu tun«, informiert Schwaner seine Kollegen. Wolff ist Verleger. Schwaners Sidekick Sven Beck kalauert: »Ich kenn’ nur Boden-Verleger.«
Nun, auf diesem Niveau klebt die rasante Brausefahrt in die Bücherwelt beileibe nicht. Hier schreibt jemand, der sich auskennt im Bücherzirkus. Wussten Sie etwa, dass die Reemtsma-Entführer aufgrund der Leseliste gefasst worden sind? Der Besuch in einem Antiquariat wird zum Kabinettstück. Immer wieder wird der Wert von Büchern dekliniert, der immaterielle wie der materielle. Es gibt einen schönen Exkurs über Alkohol und Dichtung, bei Schwaners Frühstück in einem Café dann zur Lektüre nur »die Zeitung mit dem roten Quadrat«, darin natürlich eine Liste der zehn versoffensten Autoren der Weltliteratur. Malcolm Lowry, Alfred Jarry, William Faulkner, Hans Fallada, Dylan Thomas, und an sechster Stelle Joseph Roth, den wir schon vom Motto her kennen und dem der Kommissar bereits tags zuvor im Antiquariat begegnet war, mit dem Roman »Perlefter. Die Geschichte eines Bürgers«. Fünf Euro hatte der Antiquar gesagt. Aber was, wenn das Buch H.C. Artmann geschenkt worden wäre, und zwar von Ernst Jandl, dann weitergewandert wäre zu Wolfgang Hilbig und dann zu Peter Wawerzinek? Ein Buch, von einem der größten Trinker geschrieben und durch die Hände der größten Trinker gewandert … und von ihnen allen signiert? Unschätzbar. Aber dann gibt der Antiquar dem Polizisten einen Band von Simenon: »Maigret und die kopflose Leiche«, das passe besser zu ihm. Was es koste, fragt er. Darauf die schöne Antwort: »Nichts! Lesen Sie es, das genügt!«
Überhaupt wäre das eine passende Empfehlung für die Bücher von Jakob Stein: »Lesen Sie es, das genügt!« Einmal brennt eine Wohnung voller Bücher ab. »Auf dem Boden steht eine Lache, tiefschwarz wie Tinte, als hätte das Wasser nicht nur das Feuer gelöscht, sondern aus allen Büchern auch die Buchstaben herausgespült.« Ein Feuerwehrmann echauffiert sich: »Die brennen wie Zunder. Wenn es nach mir ginge, dürfte keiner so etwas zu Hause haben.« Das riecht natürlich nach «Fahrenheit 451«. In dem Roman versteckt sich die ganze Weltliteratur, Karl May inklusive. Ihm wird mit einem irakischen Polizei-Hospitanten Respekt gezollt. Vorgestellt wird er als «Abu Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah«. Sidekick Beck empfiehlt, ihn doch »Freitag« zu nennen, den richtigen Namen könne sich ja eh niemand merken.
Zentralbestandteil des Plots ist ein verschollenes Manuskript von Joseph Roth. Der hat in der Weimarer Zeit tatsächlich als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung gearbeitet. Jakob Stein schrieb für sein Buch das verschollene Manuskript im Tone Roths kurzerhand selbst. Liest sich wie echt. Zwei Jahre lang bot er seinen Roman, damals noch mit dem Arbeitstitel »Götterbote«, diversen Verlagen an. Veröffentlichte ihn dann selbst im eigenen, samt sieben der Absagen. Sie reichen von dumm bis dämlich. Und niemand merkte, dass dieser Branchenkrimi ein Mosaik aus verschiedenen Büchern der Weltliteratur als Plot hat. Der wie erfunden klingende Simenon-Titel ist übrigens Maigrets 47. Fall gewesen.
Die Figur Martin Schwaner entwickelt sich in den Büchern immer weiter, ohne dass sie jedoch der Reihe nach gelesen werden müssen. Das Einzige was sich durch die Bände fortentwickelt, ist die Beziehung zwischen Sandra und Schwaner (die immer schöner wird, Glück darf auch sein). Anfangs ist Schwaner Ermittler bei der Frankfurter Kriminalpolizei (Band 1–5). Fall 5, sein letzter im offiziellen Polizeidienst, eine ziemlich harsche Geschichte rund um die Flüchtlingskrise, wirft ihn total aus der Bahn (»Flucht in den Tod« mit dem Untertitel »oder Der Staat gegen Dr. Satan«). Aufgrund psychischer Probleme ist er danach nicht mehr für den aktiven Dienst geeignet und wird Lehrkraft an der Polizeihochschule. Der Roman verschränkt die Gegenwart auf ingeniöse Weise mit historischen Ereignissen: zum einen mit den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt, zum anderen mit dem Fall des Dr. Marcel Petiot, einem Arzt in Paris, der während des Zweiten Weltkriegs jüdischen Familien die Flucht nach Südamerika versprach, sie aber alle (Frauen, Männer, Kinder) in seiner Praxis mit Giftspritzen, angeblich Impfungen, umbrachte. Ihm werden mehr als 300 Opfer zugerechnet.
Von da an versucht Schwaner, zwischen sich und die Welt einen Filter zu setzen und verfällt auf die Mathematik. In »Punkt, Linie, Mord!« unternimmt er mit der Geometrie seinen ersten Schritt, sich ein Stück von der Realität zu »entfernen« bzw. sich der Realität in einer abstrakten Art zu stellen. Schwaner und sein Autor Jakob Stein entwickeln daraus dann die »Mathematische Kriminalistik«, kurz MK, eine neue Ermittlungsmethode. (Es ist kaum zu glauben, wie spannend Mathe sein kann, betont Jakob Stein mir gegenüber. »Es ist KEIN Rechnen!!! Sondern es sind spannende und unterhaltsame Gedankenspiele.«)
Die Besonderheit in den beiden bisher letzten Bänden der Reihe ist, dass sich Schwaner zuhause in seinem Arbeitszimmer eine imaginäre Schulklasse erfindet (Bilder von Prominenten, die er aus Zeitschriften ausschneidet) und an die Wand pinnt. Vor diesen Köpfen übt er seinen Unterricht ein. Allerdings beginnt dann seine Klasse ihm zu antworten, was zu sehr witzigen und kuriosen Dialogen führt. In »Punkt, Linie, Mord!« ist Schwaner krankheitsbedingt vom aktiven Dienst freigestellt und macht in seiner unmittelbaren Nachbarschaft einige merkwürdige Beobachtungen. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, unter anderem in Rödelheim, und gerät schon bald mit seinen Ex-Kollegen vom Kommissariat 11 in Konflikt. Historischer Hintergrund ist die Aneignung jüdischen Besitzes während des Dritten Reiches.

Im bisher letzten Band »11011 … Mord!« (Untertitel: »Ein virtueller Kriminalroman«) erweitert Schwaner seine Methode um die Zahlen. Auch erhalten seine »Schülerinnen« eine fast stete Gegenwart in seinem Kopf, was zu teils lustigen, teils kritischen Auseinandersetzungen führt. Hinzu kommt die Figur des Lákovos Pétra (griechisch: Jakob Stein). Er ist ein ehemaliger Philosophie-Doktorand, der Schwaner als Fahrer begleitet und philosophische Aspekte beisteuert. A propos Griechenland: Ein Jahr vor Christopher Nolan erschienen, ist in »11011 … Mord!« die ganze Odyssee als Plot verbaut.
Mittlerweile ist wohl klar, dass es hier um keine herkömmliche Krimi-Reihe geht, nicht um das normale Frankfurter, Leipziger, Dortmunder, Hamburger, Regionalkrimi-Allerlei. »Früher gab es ja mal ›Konzeptalben‹ in der Musikszene«, sagte mir Jakob Stein, »vielleicht sind meine Kriminalromane so etwas wie eine ›Konzeptreihe‹«. Solche Konzeptalben blühten in den 1970ern, ganze Karrieren großer Rock- und Popbands gründeten darauf. Die frühen Genesis, King Crimson und Pink Floyd und besonders Roger Waters überboten sich darin. »Sgt. Pepper« (1967) von den Beatles gilt allgemein als das erste Konzeptalbum, aber das stimmt nicht. Es war Frank Sinatra, 1946 mit »The Voice Of«. Das erste Stück darin: »You Go to My Head«.
Die Bücher von Jakob Stein – seine Kriminalromane inklusive – , das hat er mit Frank Sinatra gemeinsam, gehen einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf.
Die Romane von Jakob Stein gibt es im Frankfurter B3 Verlag.

Alf Mayer / Foto: © B3 Verlag
www.bedrei.de/verlag
www.jakob-stein.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert