U17 im Staatstheater Mainz zeigt »Für immer die Alpen«

Es ist nicht ungewöhnlich im Theater, Figuren aus Romanadaptionen mehreren Darstellern anzuvertrauen. Man kann es als geeignete Form betrachten, frei nach »Wer bin ich und wenn ja wie viele?« die vielschichtige Identität, die Tiefe oder die Gespaltenheit einer Person zu vermitteln. Oder ihre Austauschbarkeit. Auf alle Fälle unterhält es, den Protagonisten in unterschiedlichen Erscheinungsformen zu begegnen, wie es ja auch umgekehrt Spaß macht, seine Bühnenlieblinge in den verschiedensten Rollen zu erleben.
Letzteres löst auf das Vergnüglichste Friederike Hellers Inszenierung von »Für immer die Alpen« ein, die das Staatstheater Mainz nun in einer Kooperation mit dem Liechtensteiner Theater am Kirchplatz zeigt. Carlotta Hein, die sowas wie die Entdeckung dieses Abends ist, und ihr nicht minder aufgedreht spielendes Kollegiat aus Andrea Quirbach, Thomas Beck und Julian von Hansemann, wechseln einander in der Hauptrolle ab, während das jeweils verbleibende Trio sich mit fliegenden Kostüm- und Perückenwechseln alle weiteren Rollen einverleibt, ohne dass auf den Zuschauerbänken jemand den Anschluss verliert. So weit, so prächtig auf der aus wenig mehr als ein paar Stellwänden für Bildprojektionen gebauten Kellerbühne U17.
Der von dem Liechtensteiner Autor Benjamin Quaderer verfasste Roman gleichen Titels geht der weitgehend wahren Geschichte des noch immer untergetauchten Whistleblowers Heinrich Kieber nach, der 2008 mit dem Verkauf von Bankdaten an den deutschen Geheimdienst BND für die spektakuläre Verhaftung des Postchefs Klaus Zumwinkel sorgte und viele andere Nutznießer des Liechtensteiner Treuhandsystems von Hannelore Kohl bis Pablo Escobar und Robert Mugabe auffliegen ließ. Weil er damit den Status Liechtensteins als sichere Waschanlage für schmutzige Gelder ruinierte, gilt er dort noch immer als der Staatsfeind Nummer 1.
Der von der Regisseurin verfasste Buchextrakt erzählt uns aus der Ich-Perspektive des Helden, der hier Johann Kaiser heißt, die mit der ersten Begegnung seiner Eltern anhebende Geschichte eines von der geliebten spanischen Mutter verlassenen und von einem trinkenden liechtensteinischen Vater in ein Heim abgeschobenen Kindes, das sich über einige prägende Erlebnisse hinweg zu einem abenteuerlustigen narzisstischen Aufschneider entwickelt. Unter dem schönen Bohrmaschinen-Namen Hilti gelingt ihm in einem spanischen Urlaubsdorado, sich bei wohlbetuchten Zeitgenossen einzuschmeicheln und ein kleines Vermögen zu erschleichen.
Auf der Bühne gestaltet sich das in einem Felix-Krull-haften Verkleidungsspaß, der in der Regel und manchmal recht schlicht auf Kosten der jeweils Vorgeführten geht, zu denen unter anderen auch der Regent des autokratisch regierten 38.000 Einwohner-Zwergstaates gehört. Rund 90 Minuten dauert die kurvenreiche Hinführung zum eigentlichen Kern des Skandals, dem in der knappen Stunde nach der Pause nun keineswegs eine kritische Einsicht des Protadonisten in die Verhältnisse folgt, sondern wohl eher der erneute Versuch, aus glücklichen Umständen möglichst viel Geld zu machen. Dass es dem zwischenzeitlich auch mal betrogenen Betrüger um Gerechtigkeit gegangen sein will, das lassen wir mal so stehen.
»Für immer die Alpen« stellt uns die illustre Biografie eines nicht eben gewöhnlichen, doch keineswegs außergewöhnlichen Mannes vor, der auf wirren Wegen eine noch immer gängige empörende Praxis des Steuerbetrugs offenlegte. Dies wachzurufen und bewusst zu halten ist der Verdienst dieser kleinen Produktion, auch wenn das Vergnügen, das sie bereitet, mehr aus dem Spiel der Akteure resultiert. In Liechtenstein ist das sicherlich anders.

Winnie Geipert (Foto: © Ilja Mess)

Termine: 4., 5., 13., 14. Januar, 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.com

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