»Vier Wände für zwei« von Bernabé Rico

Die 100 qm große Wohnung im Nobelviertel von Sevilla bekommt die 39-jährige Managerin Sara (Juana Acosta) wegen einer »Unannehmlichkeit« zur Hälfte des regulären Preises angeboten. »El inconveniente« ist auch der Originaltitel, und so bezeichnet Óscar, der linkische Immobilienmakler, die 74-jährige Wohnungsinhaberin Lola (Kiti Mánver), die nur verkaufen will, wenn sie bis zu ihrem Tod in der Wohnung bleiben darf. Erst nach ihrem Ableben hat die Käuferin das Recht, in ihr Eigentum einzuziehen.

Die ebenso unsympathische wie dynamische Sara kauft die Wohnung trotzdem, weil sie aktuell keine neue Bleibe braucht, sondern nur eine Rückzugsmöglichkeit sucht, falls ihre kriselnde Ehe mit dem gleichermaßen hochmütigen Daniel (Daniel Grao) endgültig scheitert.
Zudem spricht für ein derartiges Nießbrauchgeschäft, dass Lola drei Bypässse besitzt, was ja für sich genommen noch kein Todesurteil ist, aber in Anbetracht ihres unsoliden Lebenstils Saras Einzugs-Chancen erhöht. Lola ist nämlich ein kettenrauchender, Canabis anbauender und konsumierender, kräftig dem Alkohol und ungesunden Süßigkeiten zusprechender Freigeist, der alle ärztlichen Ratschläge in den Wind schlägt.
Leitende Versicherungsangestellte aus dem Büroturm Torre Sevilla trifft auf betagte, einsame Lebenskünstlerin, Vernunft auf Phantasie. Was die eine im Übermaß besitzt, ist bei der anderen verkümmert. Natürlich kommt es zu einem Austausch, bei dem längst verdrängte Ideen wieder hochgespült werden. »Die Friedhöfe sind voll mit guten Absichten«, sagt Lola, bis Sara auch sie an den Satz erinnert.
Die zwei werden Freundinnen und lernen, einander auch mit ihren schrulligen Eigenheiten zu akzeptieren. Kratzbürsten sind sie beide, aber Lola ist die originellere und deshalb amüsantere.
Jedes ihrer Treffen wird zu einem Wortgefecht der besonderen Art, das der aus Sevilla stammende Bernabé Rico schnörkellos inszeniert hat.
Es ist seine erste Spielfilmregie, bisher war er als Drehbuchautor, Schauspieler, Synchronsprecher und Produzent aktiv. Rico hat sich als Vorlage das auch hierzulande aufgeführte Theaterstück »100 Quadratmeter« seines Freundes Juan Carlos Rubio ausgewählt. Alles Theaterhafte hat er abgestreift, allenfalls die geschliffenen Dialoge deuten auf die Herkunft des Sujets hin.
Dabei herausgekommen ist eine wunderbar altmodischer Film, eine unterhaltsame Komödie mit ernsten Untertönen und ein paar dramatischen Entwicklungen. Liebevoll sind die Figuren gezeichnet, auch Óscar, der zu Beginn Sara die Wohnung gezeigt hat und uns als ›running gag‹ in mehreren Jobs begegnet, in denen er immer wieder scheitert.
»Vier Wände für zwei« ist auch ein Loblied auf das Unverhoffte. »Das Leben ist das, was dir passiert, wenn du gerade andere Pläne machst«, wird John Lennon zitiert. So holt Sara schließlich Lola aus ihrem Wandschrankversteck hinter der Blumentapete heraus, die als Metapher für den Stillstand in ihrem Leben steht. Das haben wir uns schon die ganze Zeit gewünscht. Und weil der Film so viel Vergnügen bereitet, ist er auf mehreren kleineren Festivals mit Publikumspreisen überhäuft worden.

Claus Wecker / Foto: © 24 Bilder

 

VIER WÄNDE FÜR ZWEI
(El inconveniente)
von Bernabé Rico, E 2020, 94 Min.
mit Juana Acosta, Kiti Mánver, Carlos Areces, José Sacristán, Daniel Grao, Ana Fernández
Komödie nach einem Theaterstück von Juan Carlos Rubio
Start: 07.07.2022

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