Zwischen adagio und allegro erzählt dieses bittersüße Drama von der Entwicklung einer jungen Violinistin in einem venezianischen Waisenhaus, die von keinem geringeren als Antonio Vivaldi unter die Fittiche genommen wird.
Wir schreiben das Jahr 1716: Die Mädchen im venezianischen Waisenhaus Ospedale della Pietà lernen putzen, kochen und musizieren. Das Mädchenorchester spielt auf bei Gottesdiensten und Konzerten für die aristokratischen Mäzene des Waisenhauses. Als nach einem lahmen Auftritt die Spenden zurückgehen, ersetzt der Direktor den genervten alten Musikleiter durch den Priester und Komponisten Antonio Vivaldi. Der kränkliche, aber geniale Maestro führt die Musikerinnen zu Höchstleistungen. Das Orchester, über die Landesgrenzen berühmt, zählt sogar ausländische Fürsten zu seinen Bewunderern.
Die wahre Geschichte dieses Orchesters, für das Vivaldi zahlreiche Violinkonzerte komponierte, dient als Basis für dieses fiktive Drama, in dem das Schicksal jener jungen Musikerinnen beleuchtet wird. Antonio Vivaldi, genannt Don Antonio, spielt die zweite Geige: Hauptfigur ist die begabte Violinistin Cecilia, die zwar nicht die beste ist – aber, sagt Vivaldi, »nicht nur deshalb spielt, um gelobt zu werden«. Er wird zum Mentor des stillen Mädchens, das sich nicht nur nach seiner unbekannten Mutter verzehrt, sondern über dem das Damoklesschwert einer Heirat hängt. Denn Cecilia ist einem Offizier versprochen und weiß, dass sie als Ehefrau die Geige nicht mehr anrühren darf.
Der Film, inspiriert von dem Roman »Stabat Mater« von Tiziano Scarpa, erinnert an das Filmmusical »Gloria!« (2024), das ebenfalls von jenen aus venezianischen Waisenhäusern hervorgegangenen Frauenorchestern handelte. War »Gloria!« eine Hymne an weibliche Solidarität, so geht es nun um die Entwicklung einer Künstlerin in einer Umgebung, in der Frauen nichts zu melden hatten. Das Orchester, wiewohl die Musikerinnen in der Öffentlichkeit nur mit talibanesk-grotesker Maske auftreten dürfen, ist auch ein Fleischmarkt, auf dem noble Venezianer sich eine unterwürfige Braut aussuchen. Für die Mädchen, oft ausgesetzte Kinder von Prostituierten, sind diese arrangierten Ehen durchaus eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Cecilia aber (nicht umsonst nach der Schutzpatronin der Kirchenmusik benannt) zieht das Eingesperrtsein im Waisenhaus mit ihrer Geige dem goldenen Käfig einer Ehe vor. Selbst wenn der Bräutigam ein gutmütiger Sugardaddy zu sein scheint.
Vivaldi jedenfalls wächst sein Schützling, dem er in platonischer Zuneigung verbunden ist, bald über den Kopf. Vor kerzenbeleuchteter Kulisse, die oft an ein Gemälde erinnert, entwickelt sich ein vielschichtiges Coming-of-Age-Drama, in dem die Heldin in einer ausweglosen Lage einen Befreiungsschlag wagt. Mehr Kammerspiel als Venedig-Sightseeing, entwickelt die Geschichte in ihrer Skizze des damaligen Kulturfördersystems und seiner Abhängigkeiten gelegentlich galligen Witz. Roter Faden ist aber die Musik. Wie nebenbei untermalen Anklänge an Vivaldis spätere »Vier Jahreszeiten«-Violinkonzerte Cecilias innere Entwicklung. Leitmotiv ist der berühmte Geigentriller, mit dem im »Frühling« Vogelgezwitscher imitiert wird: ein unwiderstehlich munterer Weckruf, sich ins Freie zu wagen.
