Klaus Gietingers Kriminalroman »Tote auf Urlaub« über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Dieser historische Kriminalroman steht Meilen über dem, was wir oft unter einem solchen Label serviert bekommen. Es ist einer der spektakulärsten Doppelmorde der deutschen Geschichte: die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 vor dem Hotel mit dem paradiesischen Namen Eden im Berliner Bezirk Tiergarten. Hotel ohne Wiederkehr, heißt denn auch Teil 1 des Romans. Der Hauptteil spielt praktisch zwischen zwei Aufständen, im Januar und März 1919. Der »Spartakusaufstand« ist gerade niedergeschlagen, der blutig beendete Märzaufstand in Berlin wird zum Höhepunkt des Romans. Der klingt dann im Juni 1919 aus – mit einem Ende, das (leider) pure Fiktion und anarchistische Lust ist.
Und keine Sorge, zum Buch gehört auch eine historische Chronik. Kaum ein anderer Autor hat sich so intensiv mit der deutschen Novemberrevolution befasst wie Klaus Gietinger. Mit bereits einem halben Dutzend Büchern über Revolution und Konterrevolution in Deutschland hat er diese historische Zeit umkreist. Er hat zum Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht selbst mehrfach ausgiebig recherchiert, hat die Biografie des unmittelbaren Befehlsgebers geschrieben, des Freikorps-Hauptmanns Waldemar Pabst, Erster Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Er hat dessen Netzwerke extensiv recherchiert und außerdem Monografien zur Volks-Marinedivision und zum Kapp-Putsch veröffentlicht. Seine Gesamtdarstellung »November 1918« umrundete die Ereignisse. Manches aber kann die Fiktion einfach besser. Nach sechs Sachbüchern zum »verpassten Frühling des 20. Jahrhunderts«, so der Untertitel von »November 1918«, war für Klaus Gietinger sein Thema des verhinderten Experiments eines basisdemokratischen Sozialismus in Deutschland noch keineswegs erschöpft.
Jetzt also »Berlin 1919« (so der Untertitel) als gewichtiger, wuchtiger Roman mit 492 Seiten. »Die Handlung folgt recht genau den wahren Ereignissen. Mit einer Ausnahme. Die zwei Hauptpersonen haben nie gelebt, alle anderen schon«, ist dem Roman vorangestellt. 90 Prozent der Handlungsstränge sind belegbar, lässt der Verlag uns wissen. Gietinger erfindet zwei junge polizeiliche Ermittler mit Vorgeschichte: die Kriminalassistentin Cläre Reichelt und den Kriminalkommissar Richard Brinkmann. Sie ermitteln für das Berliner Polizeipräsidium unter dem authentischen Bernhard Weiß (liberal, antisemitischer Schimpfname: Isidor) »der erste Jude, der ein solch hohes Amt, den des Vizekriminaldirektors im preußischen Polizeidienst bekleidete«.
Cläre hat es faustdick hinter den Ohren, sie führt ein Doppelleben, ist polyamourös, hat es mit zwei sehr unterschiedlichen Brüdern, arbeitete während des Krieges in der Rüstungsindustrie, fand so zur USPD und konspirierte mit deren militärischem Arm, den »Schwarzen Katzen«. Ihr Vater ist in der SPD, die selbstzerfleischenden Konflikte der Linken dieser Zeit personalisieren sich (längst) nicht nur mit ihm. Insgesamt bietet der Roman rund 130 Personen auf, das Verzeichnis gliedert sie in Polizei, Eltern, Matrosen, Revolutionäre, Hotel-Beschäftigte, Militär, Regierung, Finanziers, Freundinnen und Freunde, Pazifisten, eine Fotografin ist auch dabei. Immer wieder wird es geradezu panoramisch, ich fühlte mich an den großen Berlin-Film »Menschen am Sonntag« erinnert.
Auch der Maler George Grosz, die Schauspielerin Tilla Durieux, der Verleger Paul Cassirer oder dem Diplomat Harry Graf Kessler kommen vor. Viele Personen sind mit tiefenscharfem Hintergrund ausgestattet, das liest sich phantastisch und hebt das Buch weit von Nostalgie-Historienschinken ab. »Tote auf Urlaub« ist Zeitgeschichte pur. Nur ein Beispiel für die Brunnen, aus denen Gietinger eigenes Wasser schöpft: Für sein Buch »Freikorps und Faschismus. Lexikon der Vernichtungskrieger« (Schmetterling Verlag, Stuttgart 2022) recherchierte er mit Co-Autor Norbert Kozicki stattliche 800 Kurzbiografien. Die staatlich geförderte konterrevolutionäre Freikorpsbewegung war die Keimzelle des vom Nazi-Deutschland dann nach innen und außen geführten Raub- und Vernichtungskrieges. »Die Freikorpsmänner waren die Zucht deutscher Entwicklung, (…) sie waren die Kernmannschaft… Sie waren Akademiker, Offiziere, Wirtschaftsfachleute, Architekten, Polizisten, Ärzte. Sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft … sie waren die frühen Sturmtruppen des deutschen Faschismus.« Die mit immensem Aufwand recherchierte Sozial-, Personal- und Kulturgeschichte der Freikorpsbewegung zeigte anhand von zentralen Figuren den Zusammenhang von Freikorps und Faschismus auf. Etlichem davon begegnen wir im und um das Hotel Eden. Und keine Sorge, auch revolutionären Hintergrund gibt es genug.

Klaus Gietinger (Jahrgang 1955, in Lindenberg im Allgäu geboren, »da wo der Käse herkommt«), ist in Frankfurt kein Unbekannter. Er dreht von 1993 bis 1995 neun Folgen von »Schwarz greift ein«, einer Krimiserie im Bahnhofsviertel, an deren Finanzierung sich die katholische Kirche mit 1,6 Millionen Mark beteiligte. Er gehörte zu den Gründern des Frankfurter Filmhauses und realisierte um die Jahrtausendwende einige Tatorte für den HR. Seine schwarze Komödie »Heinrich der Säger« mit einem Eisenbahn-Attentäter war der Zeit voraus, sein Buch »99 Crashes« über prominente Autounfallopfer führte leider zu keinem Rückgang der Kfz-Zulassungen. 2025 kam eine digital restaurierte Fassung des Bauernkrieg-Films »Lond it luck« (schwäbisch für »Lasst nicht nach!«) zur Wiederaufführung. Auch über das Liebesleben von Karl Marx hat Gietinger einen Roman geschrieben. Unvergessen sein 1984 zusammen mit Leo Hiemer entstandener, wohl bekanntester Film »Daheim sterben die Leut’«, der, obwohl in westallgäuerischem Dialekt gedreht, mit Untertiteln versehen in der gesamten Republik ein Erfolg wurde und immer noch als Kultfilm gilt.
Auch in seinem Kriminalroman »Tote auf Urlaub« führt Klaus Gietinger souverän Regie. Sein Roman ist kondensierte Geschichte. Den Titel teilt er sich mit dem 1952 erschienenen Erstlingsroman von Milo Dor, der eine ebenfalls wahre Geschichte aus dem kommunistischen Widerstand aus den Jahren 1941–45 erzählte. Keine schlechte Gesellschaft, fürwahr.

Alf Mayer
Klaus Gietinger: Tote auf Urlaub. Berlin 1919. Die Buchmacherei, Berlin 2026. 490 S., broschiert, 18 €.

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