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»A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani« von Asghar Farhadi

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Rahim Soltani ist ein sympathischer Mann, daran gibt es keinen Zweifel. Aber ist er auch ein Held, wie es der Titel des neuen Films von Asghar Farhadi behauptet? Oder besser gesagt, ein Vorbild, wenn er eine gefundene Tasche mit Goldstücken an eine sich als Besitzerin meldende Frau zurückgeben lässt? Oder ist er nur ein Bruder Leichtfuß, wie es Bahram, der Schwager seiner Exfrau behauptet, dem der plötzlich hoch gelobte Herr Soltani eine Menge Geld schuldet?

In allen Filmen des bekanntesten iranischen Regisseurs, der sicherlich zu den wichtigsten Filmemachern der Gegenwart zählt, liegen die Dinge nicht einfach. In einer Publikumsdiskussion auf dem Münchner Filmfest anlässlich der Aufführung seines Meisterwerks »Le passé« hat er gesagt, man sollte in moralischen Fraagen heutzutage die Menschen nicht mehr in gute und böse einteilen.
Und so ist eine komplexe Ausgangslage ein Konstruktionsmerkmal seiner Filme. Nader kann mit Simin aus dem Iran nicht auswandern, weil er seinen pflegebedürftigen Vater nicht im Stich lassen will, und daraus folgt das Ende einer Ehe in »Nader und Simin – eine Trennung«. Seit Samit seine Frau Marie verlassen hat, ist schon einige Zeit vergangen. Als er in »Le passé« aus dem Iran nach Paris zurückkehrt, um die Scheidungspapiere zu unterschreiben, überrascht ihn Marie mit einem neuen Partner in komplizierten Familienverhältnissen.
In »A Hero« beginnt alles damit, dass besagter Rahim Soltani, der von Amir Jadid grandios gespielt wird, wegen seiner Schulden im Gefängnis einsitzt, einem Gebäude, das von außen mit seinem unauffälligen Eingang eher einem Fabrikgebäude und im Inneren einer ziemlich zwanglosen Freizeiteinrichtung gleicht. (Ein Insasse habe sich nach sechs Jahren umgebracht, ruft allerdings ein Mithäftling Rahim ins Gedächtnis.)
Rahim hat seinen Freigang nutzen wollen, seine Schulden bei Bahram wenigstens teilweise zu begleichen. Dafür will er die Goldstücke aus einer Tasche, die seine Freundin gefunden hat, verwenden. Als sich sowohl der Goldverkauf als auch die Verhandlung mit Gläubiger Bahram als schwierig erweisen, entscheidet sich Rahim um und sucht den Besitzer der Tasche.
Eine Frau meldet sich, und weil er mittlerweile wieder im Gefängnis ist, überlässt Rahim seiner Schwester die Übergabe. Die versäumt es, sich von der Besitzerin die Personalien geben zu lassen, was wiederum Rahim zum Verhängnis werden wird. Denn nachdem er für seine uneigennützige Tat im Fernsehen gefeiert worden ist und ein Wohltätigkeitsverein sogar eine Geldsammlung veranstaltet hat, gerät seine mit Halbwahrheiten gespickte Erzählung ins Zwielicht. Und im Iran, wo das Prinzip Kontrolle herrscht, wird über eine kleine Retusche in der Erzählung eines Gefeierten nicht so ohne weiteres hinweggesehen.
Die Besitzerin der Tasche ist vom Erdboden verschwunden, Finderin Farkhondeh will Rahim nicht nennen, weil seine Beziehung zu ihr nicht bekannt werden soll. Der Taxifahrer, der die Besitzerin gefahren hat, ist bereit, Rahim zu helfen, weil er selbst schon Probleme mit den Behörden gehabt hat. Er reicht aber als Zeuge nicht aus. In größter Not gibt sich die Finderin schließlich als die Besitzerin aus, was alles aber nur noch mehr verschlimmert.
Die Gefängnisverwaltung wird verdächtigt, von den Selbstmorden in der Institution abzulenken. Der Gläubiger, der selbst aus Geldnot für ihn wichtige Dinge veräußert hat, hält Rahims Verhalten in der Vergangenheit für verantwortungslos und die Rückgabe des Goldes für selbstverständlich. Am Ende geht es um Rahims Ehre, und dass sie von seinem kleinen, unter heftigem Stottern leidenden Sohn verteidigt werden soll, geht dem Vater dann doch zu weit.
Den Aufstieg und Fall des Herrn Soltani hat Farhadi zu einer beeindruckenden Tragödie verdichtet, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Mit Kopfschütteln verfolgen wir die sich allmählich zusammenbrauende Katastrophe, denn um eine solche handelt es sich tatsächlich. Und in den ruhigen Momenten der staunenden Kinderaugen und der aufkommenden Verzweiflung des »Helden« ist es kaum möglich, sich des Mitgefühls zu erwehren.

Claus Wecker (Foto: © Neue Visionen Filmverleih)

A HERO – DIE VERLORENE EHRE DES HERRN SOLTANI (Ghahreman)
von Asghar Farhadi, Iran/F 2021, 127 Min.
mit Amir Jadidi, Mohsen Tanabandeh, Sahar Goldoust, Fereshteh Sadre Orafaiy, Ehsan Goodarzi, Sarina Farhadi
Tragödie / Start: 31.03.2022

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