Schauspiel Frankfurt: Wilke Weermanns »Unheim«zielt in die nahe Zukunft

Am besten nennt man Wilke Weermanns Bühnenszenarien real-utopistisch. Die technologischen Zukunftswelten des als Autor und Regisseur fungierenden Wahlberliners sind nicht in ferne Galaxien als kritische Gegenentwürfe zu dem, was ist, verortet, sondern aus dem Hier und Jetzt weiter- und fortgedacht. Dass daraus Thriller und rätselhafte Geschehnisse resultieren, betrachtet Weermann im Gespräch mit dem Strandgut als eine zwangsläufige Folge dieser Technologien und der medialen Räume, die sie für uns kreieren. In diesem Sinne steht seinem als virtuelle Spukgeschichte untertitelten neuen Stück »Unheim« auch ein Zitat des britischen Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke voran: »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden«. Vor 200 Jahren, so erklärt mir das mein wissender Freund Markus, hätte auch der aufgeklärteste Berliner einen Farbfernsehr für eine übersinnliche Erscheinung, wenn nicht einen Gottesbeweis gehalten.
In der nun zur Premiere stehenden Auftragsarbeit für das Schauspiel Frankfurt zeichnen sich die Protagonisten durch »Enhancements« aus, durch technologisch bewirkte Ausweitung ihrer Fähigkeiten. Ganz so wie eine Brille die Sehkraft, ganz so könnten (und werden wohl auch) in Zukunft Implantate, unser Welterleben neu strukturieren und steuern. Weermann macht (mir) seine Geschichte am Beispiel einer wohl längst gebräuchlichen Kopfhörertechnik klar, die uns nicht nur Störendes wie Motorengeräusche im Flugzeug wegfiltern, sondern auch gezielt das herausdestillieren ließe, was man hören wolle: ein Gespräch zwei Reihen hinter uns. Rein akustisch sei alles, was wir nicht hören, dann auch nicht präsent, nicht mal das Flugzeug, nicht mal der Zug, in dem wir sitzen.
Dabei ist Weermanns Protagonistin Ira eher der technikresistente Typ und gehört zu den wenigen vollbio-analogen Menschen, die es noch gibt. Weil sie Geld braucht gibt sie dem Drängen ihrer Freunde nach und übernimmt mit frischen Implantaten in der Hörschnecke und unter der Augenhornhaut als Ermittlerin für anormale Phänomene den Auftrag, drei Bewohnern eines virtuellen Wohnhauses namens Arcadia zu helfen, die in ihrer Wohnung etwas Fremdes vernommen haben wollen. Es spukt. Die drei Mieter haben sich so eingerichtet, dass sie einander auch bei gleichzeitiger Anwesenheit weder wahrnehmen noch in die Quere kommen, und nun den Verdacht, dass die Technik eines ausgezogenen oder verstorbenen Vormieters womöglich noch nicht abgeschaltet ist. Ganz wie im richtigen städtischen Leben ab und an die Frage aufkommt, ob der Hochhaus-Nachbar, dessen Post aus dem Briefkasten quillt, wirklich auf Reisen ist. Ira wird, soviel und keinen Iota mehr vorweg, sehr viel tiefer schürfen und fündig.
Wilke Weermann hat die Namen seiner Protagonisten Ira, Edna und Dr. Tim Rosnau dem griechischen Ariadne-Mythos um das Labyrinth von König Minos entlehnt, und auch das unheimliche Wohnhaus eng mit der Kulturgeschichte verknüpft, verheißt doch der in Stein gehauene Satz »Et in Arcadia ego« (Auch ich in Arkadien) auf den berühmten Gemälden von Barbieri und Poussin aus dem 17. Jahrhundert nichts weniger als die stete Gegenwärtigkeit des Todes. Das (neo-)barocke Kleid, in das Johanna Stenzel (Bühne, Kostüme) die arkadische Zukunft hüllt, kommt nicht von ungefähr.
Summa summarum klingt das nicht nur sehr durchdacht, sondern auch so versprechend, dass man sich wohl wenig Sorgen um die Zukunft des schon mehrfach ausgezeichneten 30jährigen Theatermachers machen muss. Freuen dürfen wir uns auf Tanja Merlin Graf in der Rolle der Ira, sowie Heiko Raulin, Torsten Flassig, Michael Schütz und die Gastspielerin Lea Beie in allen weiteren Rollen.

Winnie Geipert (Foto: © Johanna Stenzel)

Termine: 8., 22., 23 April, 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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