»Kunst für Keinen« aus der Nazizeit in der Kunsthalle Schirn

Diese Ausstellung zeigt etwas Unsägliches.
Es ist die Kunst von 14 Künstler*innen, die während des Nationalsozialismus nicht geflohen, sondern geblieben sind. Obwohl ihre Bilder 1937 in der Münchner Schau »Entartete Kunst« auftauchten. Obwohl ihre Werke diffamiert und beschlagnahmt wurden. Obwohl sie Kommunist*innen waren und im Gefängnis und Konzentrationslager landeten. Sie bekamen kein Papier, keine Farben, sie hatten kein Geld. Sie sind geblieben und haben keinerlei Nazi-Propagandakunst abgeliefert, das Gegenteil ist der Fall. Sie haben wie beispielsweise Lea Grundig, Hans Uhlmann, Edmund Kesting und Franz Radziwill sehr wohl Bilder extrem politischen Gehaltes gemalt, auch Hannah Höch hat das getan, derweil Otto Dix, durch seine scharfkantigen sozial- und kapitalismuskritischen Werke berühmt geworden, plötzlich den Bodensee als Topos ins Auge fasste. Sie werden sogar Mitglieder in der Reichskulturkammer der bildenden Künste. Wie geht das? Wie geht das in einer Zeit, in der Künstler*innen aus rassistischen und politischen Gründen in Konzentrationslagern ermordet wurden?
Die Antwort auf diese Brüche, auf diese Widersprüche, die diese Schau gibt, kann nur biografisch differenzieren. Ambivalenz, Differenz, innere Emigration, sind die Stichworte, die in der Rezeption dieser Arbeiten – und ihrer Künstler*innen als Zuschreibungen dienen. In der extremen politischen Unterdrückung einer totalitären Diktatur, die sich auch das Kulturleben unterwarf, sind sie die irrlichternden Flammen, die man nun durch ein biografisches Gerüst einzufangen sucht. Es sind künstlerische Suchbewegungen durch den leidvollsten Zustand überhaupt, durch den Krieg.
Und flackernd beginnt auch die Ausstellung mit Bildern von Jeanne Mammen, die wir noch gut als »Sturmfrau« in Erinnerung haben, mit ihren wundervoll- bissigen Varieté – »Flappergirls« aus dem Berlin der 1920er Jahre, die alle ein bisschen so aussehen als hätten Marlene Dietrich und Colette Modell gestanden. Jetzt begibt sie sich auf die Spuren von »Guernica« von Pablo Picasso, ihre Gemälde glühen in dunklen Farben und spitzen Formen, als könne man sich an ihnen verletzen, extrem eindrucksvoll, sehr plakativ. Später, als Leinwände und Farben unerschwinglich wurden, formte sie Skulpturen aus Karton, Kopfplastiken zumeist, »Der Teufel« ist eine davon.
Der zu diesem Zeitpunkt bereits international gerühmte Willi Baumeister wird 1933 aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule entlassen und kann noch in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz ausstellen. Zusammen mit Oskar Schlemmer arbeitet er im Labor eines Wuppertaler Lackfabrikanten. Später entstehen Zeichnungen zum Gilgamesch Epos, aber die Schirn zeigt auch seine sehr ironisch-politischen übermalten Postkarten. und einen übermalten Arno Breker, »Der Rächer«.
Seine Schülerin Marta Hoepffner ist die nächste, die das Städel verlassen wird. Sie eröffnet in Frankfurt eine »Werkstätte für künstlerische Fotoaufnahmen«, verdingt sich in Brot-Jobs und widmet sich der fotografischen Avantgarde. Hier sind ihre Aufnahmen in der von Man Ray und Lee Miller geschaffenen Solarisationstechnik ausgestellt. Noch 1941 beharren ihre Arbeiten auf der revolutionären Tradition der modernen Frau der 1920er Jahre. 1944 zerstören die Nazis das Studio, sie schlüpft in Hofheim unter.
Eine voltenreiche Kunstbiografie weist der Maler Franz Radziwill auf, der sich zunächst der NSDAP andiente, mit seinen expressionistischen Gemälden und den Verrätselungen des magischen Realismus seiner Werke aber in keiner Weise deren Kunstideal entsprach. Seine Bilder – giftige grüne Himmel, schwarzes Wasser, abstürzende Flugzeuge – wurden als entartete Kunst beschlagnahmt. Dieses Schicksal teilte er auch mit dem Bildhauer und Maler Edmund Kesting, von dem wahrhaft apokalyptische Fotomontagen der Trümmerlandschaft um die Dresdner Frauenkirche zu sehen sind, um die ein Skelett tanzt.
Es ist eine Kunst, die in ihrer Entstehungszeit ohne Publikum geblieben ist. Eine Kunst, die nicht ausgestellt und gehandelt werden durfte, die ausgeschlossen war von Museen und Galerien.
Diese bewegende Schau in der Schirn ist jetzt zu Zeiten des schrecklichen Krieges in der Ukraine ein Spiegel, in den wir blicken. Wir sehen, was Unterdrückung, Tod, Zerstörung, Wut, Angst mit den Künstler*innen macht, den direkten Reflex, die Suche nach Darstellbarem, die persönliche Situation, der Rückzug, das innere Exil, das Beharren, das Aufbegehren und auch die Flucht. Lea Grundig, 1938 wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verhaftet und verurteilt, fertigt Kaltnadelradierungen über den Alltag von Juden im Nationalsozialismus an, bevor sie nach Palästina fliehen kann. Ihr Mann Hans Grundig schließt sich der Roten Armee an, nachdem er aus dem KZ Sachsenhausen in ein Russland-Strafbataillon »entlassen« wurde. Die Eisendrahtskulpturen, Kopfplastiken und Bilder von Hans Uhlmann, der nach seiner Einkerkerung nur noch zu Jeanne Mammen den Kontakt hielt, reflektieren entsetzlich aktuell den gefesselten, eingekerkerten Menschen, den wir uns gerade vorstellen.
Die tanzenden Skelette der Hannah Höch, der so hochaktuelle »Aufmarsch der Nullen« von Werner Heldt, der sich mit der Entmenschlichung des Individuums durch die Massenkultur auch theoretisch-philosophisch auseinandersetzte, die Kriegsversehrten von Karl Hofer: Es gibt keine aktuellere Ausstellung zurzeit, damals und heute. Das ist schrecklich, aber es ist auch so wichtig!

Susanne Asal (Foto: Kunst für Keinen. 1933–1945
Hannah Höch, 1945 (Das Ende), 1945,
Öl auf Leinwand, 92,8 x 81,4 cm, Berliner Sparkasse
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Bis 6. Juni: Di., Fr.–So., 10–19 Uhr; Mi., Do., 10­–22 Uhr
www.schirn.de

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