Opelvillen Rüsselsheim: »Daphne ohne Apoll« spürt in der Sammlung Klöckner der Verwandlung von Frauen nach

Da sammeln Zwei, die sich’s leisten können, über viele, viele Jahre mit Leidenschaft Kunst, die sich mit Frauen und dem Frau-sein auseinandersetzt: Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Objekte aller möglichen Materialien – außer Video. Rund 350 Werke nennen Maria Lucia und Ingo Klöcker aus Bad Homburg ihr Eigen. Und dann gibt eine Kuratorin auf der Suche nach einem Destillat aus dieser Fülle als Gradmesser die Verwandlung, die Metamorphose vor – und lässt die Klöckers staunen darüber, was sie alles haben. Rund 70 »Verwandlungen von Richter bis Lassnig« hat Beate Kemfert für die Schau in den von ihr geleiteten Opelvillen Rüsselsheim ausgewählt und unter den Titel »Daphne ohne Apoll« gestellt.
Die bildmächtig(st)e Geschichte aus Ovids »Metamorphosen« erzählt davon, wie der Gott Apollo sich es mit Eros verscherzte, der diesen deshalb mit einem goldenem Pfeilgeschoss in Liebestollheit, gleichzeitig aber die Nymphe Daphne mit einem bleiernen Pfeil in den Fluchtmodus versetzte. Erst ihr göttlicher Vater, der Flussgott Peneios, erlöste und rettete Daphne vor diesem Zudringlichen, durch ihre Verwandlung in einen Lorbeerbaum. Seltsamerweise wird der Kranz aus Lorbeerblättern, den Apollo sich daraufhin zum Kopfschmuck flocht, seither als Siegsymbolik benutzt. Aber solcherart Umdeutung wäre gewiss ein Männerthema.
Dass es keinen Apoll braucht, das Schicksal der verfolgten Frau zu fassen, veranschaulicht ganz besonders die Daphne des Leipziger Künstlers Wolfgang Mattheuer (1912-2004), dessen Skulptur eine fortgeschrittene Verwandlung zeigt. Nur noch am schlanken Stamm(Kleid) sind weibliche Konturen zu erkennen, aus den händeringend über Kopf gehaltenen Armen wurde bereits ein knospendes Geäst. Ulrich Hachulla, ein weiter DDR-Künstler, dagegen lässt die Hände Apolls am seitlichen Bildrand ins Leere greifen und zeichnet dessen bereits Wurzeln schlagendes Lustobjekt mit wild in die Höhe wucherndem Haar als einen Akt.
Mensch und Natur gehen auch bei Kiki Smiths »Flower Head«-Plastik ineinander über. Dem mit geschlossenen Augen präsentierten Frauengesicht entsprießen wie aufgefächert Blüten und Blätter. Smith stellt ihre Arbeit in den Kontext der auf die Gleichberechtigung der Spezies pochenden Weltbetrachtung von Donna Haraway. In Leiko Ikemuras Pastik »Kitsune Blue« von 2011 finden Mensch und Tier in Form einer Füchsin zueinander. Die in Deutschland lebende japanische Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin schuf eine dünne Maske, mit einem nicht eindeutig zuordenbaren schlafenden weiblichen Gesicht, das auf den Arm oder dem Schwanz ruhen könnte. Die Arbeit rekurriert – wie David Garnetts köstlicher Roman »Dame zu Fuchs« – auf den japanischen Kitsune-Mythos über einen vornehmlich die Gestalt von jungen Frauen annehmenden Weißfuchs. Der Roman erzählt von einer grazilen Ehefrau, die nach der plötzlichen Mutation zu einer Fähe immer mehr ihren neuen Instinkten folgt, und ihrem sie weiter liebenden Gatten. Dass Frauen auch zu Hyänen werden können, bleibt freilich Schillers Problem.
Soweit, so großartig und facettenreich empfiehlt sich diese mit vielen Überraschungen aufwartende Schau über ein Themenspektrum, das von antiken Mythen bis zur Gentechnik reicht. Oder sollte man bis zum Krieg sagen? Jürgen Brodwolfs in weißen Leinenbandagen gehüllte Beinprothese »Idolfigur« von 1982 und das fotorealistische Großporträt »The Disasters of War 12« von Gottfried Helnwein (2007), das ein finster blickendes uniformiertes Mädchen zeigt, sind zutiefst verstörende Verwandlungen.
Ganz wunderbar ist das über die Homepage für alle abrufbare Angebot eines Digital-Guide für die Ausstellung, der eine intensivere Vorbereitung auf den Besuch eröffnet, aber auch vor Ort heruntergeladen werden kann. Vorzumerken ist Sonntag, der 12. Juni. Dann ist in Rüsselheim »Daphnes Fest« angesagt mit einer festlichen Choreografie musikalischer, tänzerischer und literarischer Aufführungen und Flanieren mit allen Sinnen, wozu auch das Restaurant der Opelvillen beitragen soll.

Lorenz Gatt (Foto: Gottfried Helnwein: The Disasters of War, 12-2007
© Gottfried Helnwein/VG-Bild Kunst, Bonn 2022)

Bis 31. Juli: Di.–Fr., 10–18 Uhr
Sa., 14–18 Uhr; So., 10–18 Uhr
www.opelvillen.de

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