Staatstheater Wiesbaden: Tschechows »Drei Schwestern«

Das vorübergehende Aufblühen einer kleinen Garnisonsstadt weit im Osten Russlands durch ein sich erst ein- und dann wieder ausquartierendes militärisches Kommando umreißt die das Schicksal der Prosorow-Töchter auf das Frustrierendste besiegelnde Handlung in Anton Tschechows Drama »Drei Schwestern«. Mit dem Einmarsch der Soldaten lebt die Hoffnung der drei Hinterbliebenen eines hierher versetzten Militärs noch einmal auf, den Weg aus der Lebenssackgasse in ihre Geburtsstadt zu finden, entfaltet Irinas (Lina Habicht) große Losung »Nach Moskau, nach Moskau« noch einmal ihre Leuchtkraft. Sie verblasst von Minute zu Minute, auch weil ihr einziger Hoffnungsträger, ihr Bruder Andrej, in Trägheit versackt. Zu wirklichen Anstalten, ihr Leben zu ändern, kommt es aber auch bei den Schwestern nicht. »Wenn wir nur wüssten« hat die resignierte Olga (Lena Hilsdorf) das letzte Wort.
Uwe Eric Laufenbergs überraschend klassische Inszenierung am Hessischen Staatstheater lässt dem Stücktext freien Lauf und kann schon damit die Sehnsucht nach der Sehnsucht, die das Publikum immer wieder in dieses wundersam (herbst-)zeitlose Stück treibt, gefällig bedienen. Auch die Kostüme und die Bühne – ein in Birkentapeten gekleideter Wintergarten mit einem Gastraum im Hintergrund – vermitteln Gediegenheit. Vor allem aber verfügt der Regisseur – ganz ohne Doppelrollen – über das passende treffliche Personal, aus dem hier aus Platzgründen nur zwei Nebenrollen hervorgehoben seien. Christoph Kohlbachers um Anerkennung nicht nur Irinas ringendem Baron Tusenbach zuzuschauen, ist die pure Freude. Was auch für das Wiedersehen mit Monika Kroll als alte Anfissa gilt, die denn auch gefeiert wurde. Weiter (und gut) dabei Mira Benser (Mascha), Matze Vogel (Werschinin) und Lena Hilsdorf (Olga) sowie Lina Habicht (Irina), Christian Klischat (Kulygin), Uwe Kraus (Tschebutykin), Noah Perktold (Soljonyj), Paul Simon (Andrej) und Christina Tzatzaraki (Natalja).
Nichts zu meckern? Doch, doch. Doch nicht, weil man am Ende nicht umhin kann, den Abend im Sinne eines gewollten Tschechow-Feelings wieder mal etwas mit Weile gelängt zu finden. Auch das ein paar weniger verzweifelte Mädels-Schreie deren Leid nicht geschmälert hätten, ist nicht wirklich von Belang und selbst die versuchte Vergewaltigung Irinas durch den eifersüchtigen Soljonyj lässt sich als Interpretationssache hinnehmen. Nachgerade störend aber ist der Regieeinfall, dem Stück im Nachhall des großen Brandes zu Beginn des dritten Aktes (nach der Pause) durch aufheulende Sirenen, Explosionen und Maschinengewehrsalven sowie eine ramponiert auf Matratzen herumlungernder Statistenflüchtlingsschar einen Schuss kriegerischer Aktualität zu verleihen. Ein Störfeuer könnte man das nennen.
Weder das Publikum braucht solche Nachhilfe, noch brauchen Tschechows faszinierende Dialoge diesen Support. Das laute Nachdenken der wunderbar verlorenen Figuren über die Zukunft ihres Landes und ihres Lebens, über den Fortschritt und die Geschichte ruft die Gegenwart wie von selbst auf den Plan. Selbst die uns argwöhnisch aufhorchen lassende Feststellung Tusenbachs, Russland habe ja lange keine Invasion mehr erlebt, entdeckt man beim Nachblättern als vom Meister selbst verfasst. Sehenswert mit leichten Irritationen.

Winnie Geipert (Foto: © Karl und Monika Forster)

Termine: 3., 4., 26. Juni, jeweils 19.30 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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