Was soll man sagen: diese Ausstellung im Romantikmuseum ist ein ziemlich feiner Lustgewinn, den man sich derzeit anschauen kann. Gerne mag man dem Sujet einen zeitbezüglichen Rahmen verleihen, beispielsweise, dass bewegliche Glückwunschkarten damals das waren, was heute Emojis sind, nämlich zu Formeln gepresste Aussagen, Kommentare, Wünsche. Doch das ist eigentlich zweitrangig angesichts dieser Fülle an Ideen und Phantasien, an Querbezügen zu literarischen Themen, der Antike oder schlicht zur Sprache der Blumen, die hier geschlagen werden. Vor allem sind sie unendlich raffinierter und andeutungsvoller, kostbarer sowieso, verraten ein Spiel mit doppeltem Boden. Und wo und was man dann überall an diesen zierlich bemalten Karten ziehen oder drehen kann, wer oder was sich dann zeigt, öffnet, umdreht oder sogar unter Klappen enthüllt – es ist die pure Freude für den Beschenkten und Betrachter.
Sie waren ein Fixum im Spiel der gesellschaftlichen Gepflogenheiten, nicht nur der obersten Schichten, so dass es durchaus vorkam, dass Angestellte oder Dienstboten eines Haushaltes eine solch bewegliche Glückwunschkarte überreichten, ohne selbst viel große Worte machen oder die eigene Handschrift bemühen zu müssen; sie waren als Geschenk gedacht oder vielleicht auch als Beigabe zu einem Geschenk. Ursprünglich verschenkte man sie an Neujahr oder vielleicht auch zu einem Namenstag. Geburtstage hatten damals, Ende des 18. Jahrhunderts, als sie ihren Siegeszug antraten, nicht denselben hohen Stellenwert. Die hier präsentierten Karten umfassen einen Zeitraum bis 1820 und spiegeln motivisch auch wechselnde Beziehungs- und Geschlechterrollen. Und aber auch: ein Kunstgewerbe, welches sich vom Adel abhob.
Allein die Technik nahm immer ausgefeiltere Formen an, und es gibt zahlreiche Bezeichnungen für diese doppelbödigen Kleinodien aus Papier und Pappe und Farbe: Hebelzugkarte, Kulissenzugkarte, Streifenzugkarte, Drehscheibenkarte, Klapp- und Fächerkarte, Transparentkarte oder – die kostbarste Version – die Netzkappenkarte, wobei ein nahezu opakes Netz auf einem Motiv ruht und es vollständig verbirgt, und – sobald man es in die Höhe zieht – ein Herz oder eine Rose auf dem Boden des Papiers freilegt.
Man wünschte sich also Glück, beispielsweise mittels eines fliegenden Heißluftballons, und natürlich auch Liebe. Da blühte die Poesie besonders fruchtbar, sie orientierte sich an bekannten Symbolen, die aber immer neu komponiert und mit überraschenden Sätzen garniert wurden. Am Liebenden soll die Angebetete durch Gegenliebe Rache üben, Blumenvergleiche kamen mannigfaltig zum Einsatz. Man grüßte die Verehrte nicht nur mittels eines Gedichts, sondern durch auf Rosen gebettete Brieftauben, Freundschaften wurden durch Jahresbäume besiegelt, die beim Schlaufenziehen sich mit einer Vogelschar bevölkerten. Antike Ruinen-Landschaften, griechische Götter wie Amor und Psyche verraten den romantischen Untergrund, und auch Goethe konnte sich diesem Zauber nicht entziehen.
Von Friedrich Schiller ist überliefert, dass er um einen Sinnspruch für eines dieser mechanischen Billets gebeten wurde. Was daraus sich entwickelte, weiß man allerdings nicht. Immer schöner, immer kunstvoller, immer zierlicher – im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Kunst, deren Wiege übrigens in Wien stand, zu regelrechten kleinen Kunstobjekten aus Silberpapier, Perlen und Spitze im Golddrahtrahmen. Sie konnte man dann tatsächlich nicht mehr verschicken – wie die anderen Karten übrigens auch nicht, dafür waren sie einfach zu kostbar.
Diesen Schatz verdankt das Romantikmuseum dem Sammler Andreas Dietzel, der gemeinsam mit Christiane Holm und Joachim Seng die Schau kuratiert hat. Der aber auch die gesellschaftlichen Zustände nicht verschweigt, denn diese Karten entstanden in Heimarbeit – gemalt und zusammengesetzt von Frauen, Kindern und Kriegsinvaliden.
»Vergnügen durch Verwandlung« im Romantikmuseum