Elmgreen & Dragset – »Stillleben mit Gemüse«: eine wach rüttelnde Schau im Städel

Als Michael Elmgreen und Ingar Dragset sich kennen lernten, war es ein Zufall, ein Flash, ein Ballroom-Dance, ein nicht endend wollendes Gespräch. Der eine kam aus der Lyrik, der andere aus dem Theater. Kunst vereinte ihre Lebenswege, was fand sich besser, als gemeinsam etwas auszuprobieren? Und so experimentierten sie mit Performances. Die aber waren im Kopenhagen der 1990er Jahre sowas von gar nicht angesagt, dass sie 1997 nach Berlin exilierten, wie sie es ausdrücken. Die Stadt war »open and messy« und sie wussten, hier sind sie richtig. Berlin und ihre subversive Kunstszene würden sie mit offenen Armen empfangen, Performances hin oder her. Und so war es auch, Berlin wurde zu ihrem Lebensmittelpunkt. »Open and messy«, das hat einer Stadt, die Kunst sein will, noch nie geschadet. Aus Chaos erwächst Poesie, »irritation creates beauty«, triggert eine neue Imagination.
Elmgreen (*1961) und Dragset (*1969) erzählen auf eine so nonchalante Art amüsant und tiefgründig zugleich, dass man ihnen ewig lauschen könnte – aber im Städel geht es jetzt um ihre Kunst, und die gilt es zu erjagen. Sie erhielten eine Carte Blanche für das gesamte Museum – inklusive Liebieghaus – um sich darin auszubreiten, ihre Bühne zu installieren, Sinn zu suchen und zu finden, ihre eigenen Kunstwerke darin so zu platzieren – oder ganz neu aufzubauen – dass sich daraus ein Synergieeffekt ergibt, verstärkend, aber auch verstörend. Gerade Letzteres ist eine Konstante in ihrem Werk; sie inszenieren die barocke Vanitas, die glänzenden Oberflächen des Reichtums und der Wohlhabenheit, hinter denen der Verfall nagt, sich die Grausamkeit verbirgt. Kaum ein Stillleben der Epoche kommt ohne totes Tier, ohne einen Totenschädel aus.
Gleichzeitig wird kritisch kommentiert. Ein sehr sinnfälliges Beispiel ist die vor dem Metzlersaal ausgebreitete Installation »Cloud«, die ein Restaurant in einem Flughafen (Symbol für Frankfurt, ihrer Meinung nach) nachstellt. Sehr unterkühlt, einsam, isoliert, Designermöbel, luxuriös eingedeckt für nicht vorhandene Gäste bis auf eine. Eine täuschend lebensechte Asiatin sitzt völlig allein im Restaurant und starrt auf ihr Handy, aus dem ein Mann etwas von Trennung, blöder Galerie, nicht verkaufter Bilder plappert. Ein Verweis auf die ganzen Social-Media-Stillleben, in denen man seine Restaurantbesuche kommentiert. Ein Stockwerk tiefer auf dem Weg zu den Sälen zeitgenössischer Kunst dann »Garden of Eden«, zwölf Arbeitskabinen eines Großraumbüros, komplett menschenleer, doch wenn man sich die Kabinen anschaut, verstärken kleine Gimmicks wie ein Blumenstrauß zur Abschiedsfeier, ein Schlips über der Stuhllehne, eine Karl-Marx-Büste als Spardose die Inszenierung der Abwesenheit. Und: sie sind der Kraftraum, in dem die Wohlhabenheit für die Welt der glattpolierten Restaurants ein Stockwerk obendrüber produziert wird.
Man sieht nur das, was man (er)kennt, diese philosophische Doktrin über das Unvermögen, die Wahrheit in fremden Welten zu erfassen, nimmt ihre Form des künstlerischen Einspruchs, der Intervention an. Krass und verstörend das friedlich schlummernde Baby in seiner Tragetasche, abgestellt vor einer der düstersten Pietà-Darstellungen überhaupt, die des Symbolisten Franz von Stuck. Wie damit umgehen? Daran vorbeilaufen, einer der Angestellten einen Wink geben, wie reagiert man darauf, findet man es geschmacklos? Reißt es einen aus seiner Betrachtung, sieht man eventuell plötzlich die Pietà und deren tatsächlichen Gehalt mit anderen Augen? Genau diese Form der verunsicherten Rezeption von Kunst ist ihr Ziel. Dass neue Geschichten im Kopf des Betrachters entstehen.
Nichts davon wirkt überanstrengt, aber alles zeigt seine Wirkung. Wie der kleine noch atmende aber offenbar verletzte Vogel, der von Kinderhänden geborgen sich aus einer Wand hervorstreckt, neben dem Stillleben eines Rebhuhns von Jean-Baptiste Simeón Chardin im Saal 17 der »Alten Meister«, der unter dem Motto »Galante Feste, malerische Brillanz« steht.
»Humour is a very good tool to manage your anger«, geben Elmgreen und Dragset noch mit auf den Weg, Humor allerdings im Sinn von Samuel Beckett … wer mag dem noch widersprechen?

Susanne Asal / Bild: Ausstellungsansicht, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Bis 17. Januar 2027: Di., Mi., Fr., Sa., So., 10–18 Uhr; Do., 10–21 Uhr
www.staedelmuseum.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert