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Alexa Hennig von Lange und das Erbe ihrer Großmutter

literatur Alexa Hennig von Lange 4

Heikel. Heikel. Familiengeschichten sind immer prekär. Es mag nur eine »Geschichte« geben. Aber immer die verschiedensten Perspektiven. Da hat Thomas Bernhard so seine Erfahrungen gemacht, und noch prominenter, Thomas Mann. Die Betroffenen reagieren immer betroffen. Alexa Hennig von Lange hat sich da etwas einfallen lassen. Nicht unbedingt neu, dafür effektiv. Sie bleibt bei der Geschichte ihrer Großmutter, aber fiktionalisiert sie. Sie dichtet, mitten im Dritten Reich, ihrer Oma ein Kind an, noch dazu ein jüdisches. Und schon ist alles anders.

Sie ist über achtzig und fast blind. Vor gut zehn Jahren ist ihr Mann Gustav gestorben. Sie hat vier Kinder groß gezogen. Sie lebt noch allein und spürt zunehmend das Bedürfnis zu ergründen, was für ein Mensch sie war, was sie angetrieben hat, die zu werden, die sie ist. Aber vor allem will Klara Erfurt ihren Nachkommen erklären, »wie eins zum anderen gekommen ist«. So spricht sie ihre Erinnerungen über zehn Jahre lang auf 130 Kassetten, am Ende werden sie 70 Jahre ihres Lebens erfassen.
Alexa Hennig von Lange, die Enkelin, 1973 geboren, eine durchaus renommierte Autorin, die bereits auf ein beachtliches Werk zurückblicken kann, hat sich jetzt dieses Stoffs angenommen. Sie plant eine Trilogie. Der erste Band liegt hier vor. Und zwar als – Roman.
Klara Erfurt war eine sehr eigenständige, aber auch strenge und unnahbare Frau. 1929, mitten in der Weltwirtschaftskrise, hat die 21 jährige Klara, damals noch unverheiratet, großes Glück. Sie bekommt eine Stelle als Haushaltslehrerin in der Kinderheilstätte Oranienbaum, in der Nähe von Dessau. »Hier werden unter einem Dach kranke Kinder gepflegt und gleichzeitig junge Mädchen in Haushaltung ausgebildet.« Sie organisiert den gesamten Heimhaushalt und unterrichtet 15 junge Mädchen, alle aus sehr einfachen, teilweise höchst problematischen Verhältnissen, in Hausarbeit, Gesundheits- und Ernährungslehre. Mit ihrem Gehalt unterstützt sie auch noch ihre Eltern, die eine schlecht gehende Pension führen. Und »Kurtchen«, ihren sieben Jahre jüngeren Bruder. Der ist zwar pfiffig, aber faul, sodass sie ihm nach der Arbeit noch seine Aufsätze schreibt. Eine ihrer engsten Freundinnen in dem Heim wird Susanne, eine Kindergärtnerin. Sie ist aus wohlhabendem Haus und hat das Talent »im Leben immer das Komische zu sehen«. Von Anfang an versucht Klara ihre Schülerinnen zu »selbstbewussten Persönlichkeiten zu erziehen«. Sie selbst ist eine eifrige Leserin und hofft, auch ihre Schülerinnen für Literatur zu interessieren, indem sie ihnen vorliest. Und tatsächlich werden sie »begeisterte Zuhörerinnen«.
Im Zug nach Dessau, sie will dort neue Bücher kaufen, trifft sie einen jungen Mann, Gustav, zwei Jahre jünger als sie und auch lesebegeistert. Gustav, mit dem knittrigen Mantel und dem in den Nacken geschobenen Hut, gefällt ihr auf Anhieb.
Immer wieder treffen sie sich, und das zufällig. Klara glaubt natürlich an Schicksal. Später verabreden sie sich. Erst nach zehn Jahren, 1939, heiraten sie.
Die Autorin spielt mit den verschiedenen Zeitebenen: Klara, allein im hohen Alter in ihrem kleinen Reihenhäuschen; Klara in den 20er und 30er Jahren; und dann das hin und her. Dabei erleben wir die 90-jährige manchmal recht unwirsch, wenn eine der Töchter sie stört.
Als Klara mal wieder aus Dessau zurückkommt, empfängt Susanne, ihre Freundin, sie mit einem Baby auf dem Arm. Dessen Mutter, eine Jüdin, hat darum gebeten, die Kleine für 14 Tage im Heim lassen zu dürfen. Die Mutter taucht nie wieder auf. Die kleine jüdische Tolla lässt sich aber nur von Klara füttern oder beruhigen, so kümmert sie sich wie eine Mutter um das Kind. Das Kind wird ganze zehn Jahre bei Klara bleiben. Bei den Nazis, die sich für das Heim interessieren, wird es als ihr uneheliches Kind ausgegeben. Zum Glück sehen sie sich ähnlich, beide sind auch rothaarig.
1932 bereits, als die Heimleiterin plötzlich stirbt, übernimmt Klara in einer äußerst schwierigen Zeit die Leitung des Hauses. Sie muss etliche Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern und natürlich Kinder entlassen, weil es kaum noch finanzielle Unterstützung gibt. Und bald ist auch ihre Arbeitsstelle gefährdet, die Angst, dass das Heim schließen könnte, ist durchaus begründet. »Ihr Fleckchen Erde zerbröckelte unter ihren Füßen.« Sie sieht zu, wie Geschäfte von Juden zerstört, jüdische Menschen aus ihren Häusern geprügelt werden, auch die Synagoge in Dessau wird in Brand gesetzt. In dieser Situation passen sich Klara und Susanne den veränderten Verhältnissen an. Gegen den anfänglichen Widerstand von Susanne akzeptiert Klara die Bedingungen der Nazis sofort. Sie hängt ihr Fähnchen in den Wind und die Fahne mit dem Hakenkreuz aus dem Fenster. Ihre Zöglinge tragen Uniform. Bei einer Überprüfung ist man mit ihr äußerst zufrieden.
Sie hatte für sich nur eine Chance gesehen: »Sie musste sich anpassen und ihren inneren Widerstand für sich behalten.«
1939 wird ihr die Situation dann doch zu brenzlig. Gustav bringt Tolla in ein jüdisches Waisenhaus nach Berlin. Sie hoffen, dass das Kind mit einem Transporte nach England kommen kann. Dieses Drama, das jedem Leser nahe geht, lässt Klara kalt und herzlos erscheinen. »Viel schneller, als sie es sich eingestehen wollte, war es ihr gelungen, mit Tollas Abschied einen fast schon unheimlichen Frieden gemacht zu haben.«
Hier sieht Alexa Hennig von Lange den Dreh- und Angelpunkt der Lebensgeschichte ihrer Großmutter. Nur: genau dieser Teil der Biographie ist von der Autorin erfunden, um – für sich und für den Leser – die Gestalt, ihre Entwicklung, ja das Schicksal ihrer Großmutter begreiflich zu machen.
In ihrem Nachwort begründet die Autorin die »Erfindung« des jüdischen Mädchens als Versuch, ihrer harten Großmutter eine menschliche Seite anzuheften. Das mag sein. Vor allem aber ist es ein Kunstgriff, der es erlaubt, das andauernde Dilemma eines normalen Lebens in totalitären Verhältnissen anschaulich zu machen. Helden sind selten. Mitläufer dagegen häufig. Schon in der Bibel heißt es deshalb, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Genau diese Konstellation macht diesen »Roman« gerade heute wieder so lesenswert.

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Madlen Krippendorf

Alexa Hennig von Lange: Die karierten Mädchen. Roman,
Verlag DuMont, Köln 2022, 368 S., 22 €
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