Irgendwo in ihrem fast 1.300 Seiten dicken Roman »Das achte Leben (Für Brilka)« lässt Nino Haratischwili ihre Erzählerin Niza darüber reflektieren, wie es wohl wäre, würde das kollektive Gedächtnis der Welt andere Dinge erhalten als die Geschichten der Könige, Herrscher und Führer. Die der Menschen etwa, die ein Haus mit eigenen Händen gebaut, einen Garten angelegt oder eine Wolke beschrieben haben. Woher wisse man, dass jene, deren Name überdauert, besser, klüger oder interessanter sind. Und wo bleiben die Vergessenen?
Die 1983 in Tiflis geborene Schriftstellerin verknüpft selbst in ihrem Wälzer die Historie ihrer georgischen Heimat mit dem Leben der Familie eines Schokoladenfabrikanten, dessen Geheimrezept auf seine Genießer gleichermaßen verführerisch wie verhängnisvoll wirkt. Vom Zarenreich um 1900 herum über die beiden Weltkriege, die bleierne Sowjetzeit bis hin zur erneuten Unabhängigkeit spannt die spätere Stadtschreiberin von Bergen den Bogen. Alexander Nerlich, der dieses Epos nun auf die Bühne des Kleinen Hauses des Mainzer Staatstheaters gebracht hat, oblag mit seinem Team die Mammutaufgabe, für eine eigene Fassung sorgfältig auszusortieren und inmitten des komplexen Geschehens einen roten Faden zu finden. Diejenigen, die es aus dem Stammbaum nicht in die engere Auswahl der Protagonisten geschafft haben, sind im Programmheft unter blassgrünen Punkten genannt, während die Symbole der Auserwählten deutlich hervortreten. Trotz der erheblichen Auslassungen dauert der Abend inklusive zweier Pausen fünf Stunden lang. Doch selbst das ist zu wenig, um auch nur annähernd an die Vielschichtigkeit der Vorlage heranzukommen.
Dennoch hat Regisseur Nerlich einen guten Weg gefunden, auch diejenigen an die Hand zu nehmen, die sich noch nicht an die deutlich zeitaufwendigere Lektüre herangetraut haben. Er vertraut das Publikum Kruna Savic an, die dauerpräsent bleibt: meist als Niza, die den Durchblick behält, schildert, erklärt, still beobachtet oder ironisch kommentiert, aber auch als Mariam, die an der 1942 geborenen Kitty (Maike Elena Schmidt) erst eine Zwangsabtreibung durchführt, ihr dann aber zur opferbereiten Freundin wird. Auch alle anderen der insgesamt elf Darsteller wechseln ihre Rollen. Diejenigen, die die gleiche Person in verschiedenen Lebensabschnitten spielen, lösen einander mit sanften Berührungen ab. Ansonsten herrscht jedoch in diesem auch von Geistern besuchten Kosmos bei aller Liebe die Härte vor, prägen Unterdrückung, Demütigung, Gewalt und Hinrichtungen das Dasein der unterschiedlichen Generationen. Entsprechend düster hat Nerlich sein Stück inszeniert.
Es sind die Frauen, die dabei die Hauptlast tragen. Angefangen mit Stasia Jaschi (Iris Atzwanger), die Hüterin des Familiengedächtnisses, deren von tragischen Ereignissen gezeichnetes Schicksal sich über den gesamten Handlungszeitraum zieht. Ihrer Halbschwester Christine (Hannah von Peinen) wird von ihrem Gatten Ramas (Adrian Weinek) aus Eifersucht Säure ins Gesicht geschüttet; der kleine große Mann (Johannes Schmidt), hinter dem sich niemand anderes als der NKWD-Chef und Stalin-Vertraute Lawrenti Beria verbirgt, hatte zu großen Gefallen an der Schönheit gefunden. Stasias Kinder Kitty und Kostja (Carl Grübel/Denis Larisch) kämpfen auf verschiedenen Seiten: Sie wird vom Geheimdienst gefoltert, er macht in diesem Karriere.
Nerlich nutzt die besonderen Talente in seinem Ensemble. Zu Haratischwilis Texten hat sein Zwillingsbruder Daniel Musik komponiert, sodass Schmidt die Lieder famos anstimmen kann. Die junge Stasia und Brilka werden von Tanzmainz-Mitglied Maasa Sakano verkörpert, die unter der Choreografie von Alessandra Corti befreit durch den Raum wirbelt. Das Bühnenbild von Fernanda Jardi, anfangs von einer hohen Ikone, später von zeitgenössischen Projektionen dominiert, ist dank zahlreicher Rollen schnell verwandelbar. Viktoria Schrott hat sich für die folkloristisch angehauchten Kostüme mit authentischem Material versorgt.
Trotz klarer Linien, denen es sich, konzentriert bleibend, gut folgen lässt, merkt man dem Verlauf des Abends zunehmend an, dass die Uhr heruntertickt. Charaktere wie Kostjas Geliebte Ida ploppen zu kurz auf, um ihnen Tiefe zu verleihen. »Es geht so viel verloren«, bedauert Niza irgendwann. Und doch ist dieser schwer verdauliche Kraftakt erstaunlich gut gelungen, und diejenigen, die »Das achte Leben« noch nicht kannten, dürften zum Lesen angeregt sein.
Eine gelungene Mammutaufgabe: »Das achte Leben (Für Brilka)« am Staatstheater Mainz