Schauspiel Frankfurt zeigt Theresia Walsers Komödie »Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel«

Der eigentümliche Titel des Stücks entspringt einem Gedicht Muammar al-Gaddafis, in dem der libysche Revolutionsführer den ihm versagten Zugang zu einem normalen Leben beklagt. In ihrer 2013 in Mannheim uraufgeführten Komödie legt Theresia Walser diese Zeilen der Figur »Frau Leila« in den Mund. Sie ist eine von drei längst verwitweten Ex-First-Ladies aus autoritären Regimen, die vor einer Pressekonferenz zur Verfilmung ihrer Biografien aufeinandertreffen. Leila war mit dem tunesischen Ex-Diktator Ben Ali liiert. »Frau Imelda« mit Ferdinand Marcos und »Frau Margot« mit Erich Honecker.
Was wie eine Melange aus Politsatire und boulevardeskem Zickenkrieg anmutet, ist genau das – und entfaltet sich in Ella Haid-Schmallenbergs Frankfurter Regiepremiere zu einem bittersüßen Abend über Macht, Verblendung und grenzenlosen Narzissmus. Die Namen der Damen sind (noch) leicht zu dechiffrieren, auch wenn man für Leila heute die Suchmaschine braucht. Melanie Straub verkörpert sie grazil-blasiert als Prototyp arabischer Herrscherfrauen, wie es das Programmheft andeutet und das ihr im LED-Triptychon zugeordnete Konterfei von Baschar al-Assad suggeriert.
Deutlich dauerhafter im kollektiven Gedächtnis verankert ist Imelda Marcos – nicht zuletzt wegen ihrer legendären Vorliebe für Schuhe und Sachen, die fürchterlich viel Geld kosten. Christina Geiße spielt sie im luftigen roten Matronen-Kleidchen und wechselnden Designer-Tretern mit der unerschütterlichen Grandezza einer Planierraupe.
Im Starrsinn mindestens ebenbürtig, steht ihr Manja Kuhl als ideologisch versteinerte Margot Honecker gegenüber. Nicht nur, weil sie sich weigert auf Anweisung von rechts nach links zu gehen, (»Ich bin noch nie von rechts nach links gegangen«) bringt die weißgelockte Ex-Ministerin für Volksbildung der DDR einen eisigen Hauch realsozialistischer Politik in dieses Reich der Selbstgefälligkeit und Posen ein. Kein Zufall, dass sie den pelzgesäumten Mantel anbehält.
Allerdings gesellt die Autorin den widerspenstigen Witwen im Warteraum noch eine weitere Figur hinzu: den kaum weniger eitlen Simultandolmetscher Gottfried (Wolfgang Vogler). Anfangs noch um diplomatische Neutralität bemüht, beginnt er bald, seine Rolle äußerst frei zu interpretieren: Er übersetzt, ganz nach Gusto, kommentiert eigenmächtig und spielt die Diven genüsslich gegeneinander aus. Da alle Beteiligten ohnehin Deutsch sprechen und sich meist auch ohne ihn verstehen, avanciert Gottfried zur Komikmaschine des Abends. Doch Voglers glänzender Balanceakt an der Grenze zur Albernheit hat einen doppelten Boden. Völlig respektlos entlarvt er die Selbstinszenierungen der ehemaligen Herrscherfrauen als Teil eines Kulturbetriebs, der selbst politische Abgründe noch in konsumierbare Spektakel verwandelt. Ein ironischer Zauber, der Stück und Publikum durchaus miteinschließt.
Im Umgang miteinander Giftspritzen, scheinen sich die Diven zwischen Exil und Realitätsverlust in der Verklärung ihrer Vergangenheiten einig. Margot lässt Gottfried aus Erfahrung wissen, dass man Dolmetscher auch erschießen kann, was Imelda durchaus bestätigt, während Leila über ein »groteskes holländisches Gericht« spottet, das sie und ihren Mann wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« verfolgt.
Ja, wer denkt sich denn solchen Unsinn aus?, möchte man den Figuren fassungslos zuflüstern. Schwarzer Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht – wohltuend unwoke und fern jeder Political Correctness. Das im Hintergrund auf lila geblümter Tapete platzierte Gemälde »Kindermord in Betlehem« (Bühne Nora Schreiber) hätte es darum wahrlich nicht gebraucht. Nicht zu den Stärken des Stücks gehört zudem, dass die Autorin den Dolmetscher aus Jena stammen und an Margot Rache nehmen lässt.
Zwingender wirkt da, was frei nach Tschechows Dramengesetz Knall auf Fall mit ihrer Erich-Urne geschieht. Doch am Ende bleibt:
Ein herrlicher Abend voll sprachlicher Akkuratesse, den man wegen des nahenden Verfallsdatums der Bekanntheit seiner Figuren keineswegs versäumen darf.

Winnie Geipert / Foto: © Laura Nickel
Termine Kammerspiele Frankfurt: 6., 15., 25. Juni, 20 Uhr,
Termin Hessische Theatertage in Wiesbaden: 19. Juni, 19.30 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert