Barock am Main zeigt Worschtmichels Traum oder der König von Frankfort

Es kann einem nicht worscht sein, gut frankforderisch, ob es das Barock-am-Main-Festival gibt oder nicht. Nach zweijähriger Abstinenz rufen Michael Quast und sein Ensemble im lauschig aufbereiteten Hof der Höchster Porzellanmanufaktur mit einer rauschhaften Vorführung eindrucksvoll – und hoffentlich auch nachhaltig – in Erinnerung, was uns, wenn nicht allen, so doch vielen, so lange gefehlt hat. Die Posse »Worschtmichels Traum oder der König von Frankfort«, nach Motiven des dänischen Barockdichters Ludvig Holberg von Rainer Dachselt sprachlich wie geographisch ins Hessische verlegt, wurde für Zuschauer und Darsteller zu einem Ventil der aufgestauten Gefühle.
Erzählt wird die Geschichte des tumben Metzgergesellen Michel, der sich nach einer sturztrunkenen Nacht in einem vornehmen Gemach wiederfindet und dort untertänig als König von Frankfurt angesprochen, bedient und eingekleidet wird, nebst einer turmhohen Perücke aus Klopapierrollen. Es ist ein übles Spiel, das ein paar gelangweilte Patrizier zum Amüsement mit ihm treiben. Dumm nur für diese, dass sich der Michel schon bald ziemlich anfreundet mit seiner neuen Existenz und vom Befehlen und Regieren gar nicht mehr lassen will. Fassweise wird auf sein Geheiß Wacholder als Vorrat gehortet und Nüchternheit zum Hochverrat erklärt. Wie nur, fragen sich die Urheber dieser Situation, werden wir ihn wieder los?
Es zeichnet die Inszenierung aus, dass es die offensichtliche Aktualität des an seinem Stuhl klebenden Regenten für die Stadt – wir hatten es in der Ankündigung im Juni-Heft ein Stück für Feldmann-Versteher genannt – allenfalls streift und nicht auszuschlachten sucht. Zu billig der Witz, zu nervig aber auch die inszenierten Aufgeregtheiten. Die in üppigster Ausstattung vollzogene Farce auf der Bühne – ich kann mich an keine schrägere, buntere Inszenierung und Kostümierung erinnern (Bühne. und Regie: Sarah Groß, Kostüme: Anna Sophia Blersch, Maske: Katja Reich) – nimmt auch so ihren skurrilen Verlauf.
Dabei gibt Michael Quasts grandioses Spiel auch der durchaus ernsten Seite einer solchen in der Literatur häufig auftretenden Nasführung genügend Raum. Es ist auch für den Worschtmichel kein Leichtes, nicht mehr die von seiner Frau mit dem Bengel namens Herbert regelmäßig verdroschene Volleule (sprich: Säufer) zu sein. »Der Worschtmichel, der ich nicht bin« wird ihm in ritualhafter Wiederholung fast zum Alp seiner neuen Identität. Wenigstens weiß in einer Zeit, die noch keine Psychoanalytiker kennt, auch der Wacholder – hier Wacholler – seine therapeutischen Qualitäten zu entfalten. Dazu gibt es Musik (Rhodri Britton), Gesang und eine allegorisches Spiel um Weisheit und Trunkenheit.
Michael Quast, klarer Fall, steht im Zentrum dieser Komödie. Ihm, so hat es ein Kollege aus der FAZ sinngemäß formuliert, könne man bedenkenlos auch die Lektüre eines Telefonbuchs anvertrauen. Ganz auf Augenhöhe mit dem Ausnahmekünstler im Stück wie on stage spielt Ulrike Kinbach als Worschtmichels grandiose Frau Käthche. Spielfreudig klingt so gebraucht, wie aber anders nennen dieses furiose, wie losgelassen agierende Ensemble mit Alexander J. Beck (Meister Schopp), Claudia Jacobacci (Madame Bimbernell), Eric Lenke (Konrad, der Wirt), Pirkko Cremer (Jettche), Ulrich Sommer (Herr von Schöneck) sowie den für den erkrankten Dominik Betz eingesprungenen Patrick Thomas (Herrr Seckel). Zu erfahren, welche gefeierte Rolle Paula Schulenburg spielt, möge das Privileg der Besucher bleiben. Hingehen!

Winnie Geipert / Foto: © Maik Reuß

Bis 14. August: Di.–Sa., 20 Uhr; So., 16 Uhr
www.barock-am-main.de

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