Wasser im Jugendstil – Heilsbringer und Todesschlund im Museum Wiesbaden

Mit einer wahren Weitwinkel-Perspektive betrachtet das Museum Wiesbaden die künstlerischen Manifestationen zum Thema Wasser im Jugendstil und Symbolismus, schlägt den Boden weit zu den beiden Antipoden Heilbringer und Todesschlund und verankert die Interpretationen in seinem historischen und gesellschaftspolitischen Untergrund: dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Zitat des Lyrikers Arno Holz bringt es buchstäblich auf den Punkt.
Viel Aufbruch ist darin zu erspüren, die Kritik am Industrialismus, das Abrücken von der aufkommenden Technisierung der Welt und des Urbanismus, hin zu einem befreiten Menschenbild, das sich in Abkehr von staatlichen und moralischen Ordnungen seine Ausdrucksformen selbst neu definiert.
In diese Zeit fällt das Korsett als Symbol für die unterwerfende Eingeschränktheit der Frau und fällt das Diktat der vorgeschriebenen Lebensformen. Man experimentiert mit kollektivem Zusammenleben, mit vegetarischer Ernährung und Naturheilkunde. Sport bedeutet Bewegungsfreude und nicht länger Zucht des Körpers. Die Natur – und auch das konzeptuelle »Zurück zur Natur« – nimmt in diesen Lebensvorstellungen eine überragende Position ein, sie bildet den Fundus für künstlerische – und auch kunstgewerbliche Ausdrucksformen. Man denke nur an die zartflügeligen Libellen und Schmetterlinge und filigranen Lilienblüten in den Schmuckentwürfen des Jugendstils. Oder an die Keramik-und Porzellangestaltung mit Tiermotiven, Teller, aus denen kleine Frösche krabbeln, Vasen, die mit stilisierten Korallenbäumen verziert oder mit Meeresbewohnern bedeckt sind. Die Ornamentik findet im Meer ein reiches Feld.
Der Symbolismus nährt sich faktisch aus seinen Bezügen zur Natur, findet in Naturbildern Abbildungen von Seelenzuständen, verschränkt sie mit mystischen und mythisch-religiösen Bezügen. Diesen Bewegungen, so neu sie auch sind, haftet aber auch etwas Reaktionäres, Elitäres, Sektiererhaftes an, eine verklärende Sicht auf Heilsgestalten, eine verblüffende Rückwärtsgewandtheit, was sich die Präraffaeliten schon in ihre Begrifflichkeit eingeschrieben haben.
Alles nicht so einfach, wie es aussieht. Die Ausstellung jedenfalls verhehlt nichts von diesen Theorien, möchte aber auch die handfesten regionalen Bezüge nicht aus dem Blickwinkel verlieren. Und so wird das Wasser zunächst als Heilsbringer eingeführt: als heilende und ergötzende Quelle nämlich, einmal in Wiesbaden (die Jugendstil-Kaiser-Friedrich-Therme und das Opelbad auf den Neroberg in einer wunderschönen Art-Déco-Fotografie von Paul Wolff) und im Sprudelhof in Bad Nauheim, der größten Badeanlage Europas mit größter Stilreinheit.
Die Skulptur eines sich im Spiegel(wasser) betrachtenden Narziss bildet das Entree zum großen Ausstellungssaal, der seinen Parcours nach Themenüberschriften geordnet hat, überragt von einem riesigen blauen Wellenkubus in seiner Mitte und orchestriert vom stetem Wellenrauschen.
Eine Ophelia, ruhend in einem Seerosenteich, empfängt uns, ein Lieblingsmotiv in der Malerei, die Frauen mit Wellen und Wasser immer wieder mythisch verbindet. Undine taucht als Keramikskulptur auf, drei rätselhafte »Seeweiber« (Hans Thoma) spielen im mondbeleuchteten Wasser mit Fischen. In der dunkel unheilvollen »Melodie des Flusses« von Emilio Longoni verwebt sich das Haar einer geigenden Frau kaum wahrnehmbar mit Felsen und Wasser. Sie verschmelzen geradezu zu einer einzigen Bewegung.
Im Jahr 1899 wurde der großformatige Bildband »Kunstformen der Natur« von Ernst Haeckel publiziert, der auf zahlreichen Farbtafeln meerische Lebewesen präsentiert. In einer sagenhaften Farben-und Formenvielfalt öffnet der Wissenschaftler den Betrachter*innen den Lebensraum des Wassers, das den heutigen wissenschaftlichen Kriterien nicht zu genügen vermag, ihnen als Phantasterei widerspricht, trotzdem bleibt dieses Werk, verhaftet man es in seine Zeit, sensationell. Auch diese Tafeln sind in der Ausstellung zu finden, ebenso Farbholzschnitte aus Japan, die in der damaligen Epoche viel Begeisterung hervorriefen und mit ihrem Themen-und Farbspektrum die europäische Kunstwelt nachhaltig beeindruckten und beeinflussten.
Die Keramik, und besonders auch die Glasexponate, hingegen sind von einer hellen betörenden Schönheit und viel Witz, als Schlussbild kommt dann wieder das Tragisch-Verrätselte zum Vorschein, und das – natürlich – in Gestalt einer Frau. Ein Traumbild. Aber von der dunklen Sorte.

Susanne Asal

Foto: William de Morgan (Entwurf), William de Morgan Pottery, Merton Abbey (Ausführung), Kachelfries mit Fischen, 1882–1888 Hessisches Landesmuseum Darmstadt.
© 2022 Hessisches Landesmuseum Darmstadt / Wolfgang Fuhrmannek

Bis zum 23.10.: Di., Do., 10–20 Uhr; Mi., Fr., 10–17 Uhr; Sa., So., 10–18 Uhr
www.museum-wiesbaden.de

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