Das English Theatre startet thrillig mit »The Girl on the Train«

Den Anschluss hat Rachel Watson schon länger verpasst. Und völlig aus der Bahn geriet das 30plus-»Girl on the Train« auch. Die Titelfigur aus Paula Hawkins erfolgreich verfilmtem Roman säuft wie ein Loch in ihrer heruntergekommenen Behausung. Gleich zu Beginn der Deutschlandpremiere reihert die Arme gar all das, was ihr Magen nicht länger behalten will, in eine herumliegende Pizza-Schachtel. Urrgh?
Keine Angst, es ist kein Stück von Sarah Kane, aber auch kein Zitat aus Yasmina Rezas »Gott des Gemetzels« und wird denn auch von Regisseurin Psyche Stott eher dezent serviert. Es ist der Sonntagmorgen danach, an dem das Geschehen – anders als der Roman – seinen Ausgang nimmt. Alles Kommende zielt auf die Nacht davor, an die sich Rachel trotz oder auch wegen der Kopfwunde, die sie sich zugezogen hat, partout nicht erinnern kann. Filmriss!
Ihr Ex-Mann Tom kommt vorbei und kündigt ihr einen Polizeibesuch an. Eine Megan sei seit dem Vorabend verschwunden. Als Tom ihr ein Bild von dieser zeigt, erkennt Rachel just die Frau, die sie samt Mann auf ihrer täglichen Fahrt zur Arbeit voller Bewunderung beobachtet. Im Haus ihrer alten Wohnung, die die Bahn passiert. So glücklich können Paare zusammen sein, schien ihr beim Betrachten der beiden, die sie »Jess« und »Jason« nennt. Dass sie jene Jess alias Megan ausgerechnet am Vortag ihres Verschwindens in den Armen eines anderen erblickte, macht sie neugierig. Sehr sogar. Sie will unbedingt selbst herausfinden, was da ist. Erst recht, als man wenig später ihre Leiche entdeckt – und Rachel selbst in Verdacht gerät. Was hat sie nur gemacht am Abend davor?
Was im Film wunderbar mit Szenenwechsel funktioniert, wird on stage (Ruari Murchison) mit einem halben Dutzend verschiebbarer Metallrahmen, die den Raum immer wieder neu aufteilen, Lichteffekten und Soundböden umgesetzt. Erinnerungsfetzen, Imaginationen und Träume, vielleicht auch Visionen erscheinen mit den jeweiligen Akteuren und verschwinden wieder. Immer drohender verweben sich die Stränge nicht nur im Kopf der Alkoholikerin zu einem aufregenden Thriller – bis wir mit ihr erfahren, was wirklich geschah und Sache ist. Jetzt beginnt man, um sie zu fürchten.
Dass das Stück über das Whodunit? hinaus einen biestigen Reisig-Korb voll weiterer Themen wie Selbstwertverlust, unerfüllte Kinderwünsche, toxische Männlichkeit, Gedankenmanipulation (Gaslighting) und digitale Scheinidentitäten behandelt, galt manchen Kritikern als ein Zuviel des Komplizierten – nicht aber dem Publikum. Denn das ässt sich vom fesselnden Spiel einer groß agierenden Laura Matthews faszinieren und fiebert hochemphatisch mit seiner Heldin. Natthews Rachel ist zwar ein Alki, aber auch eine schlagfertige Lebenskünstlerin, die von der ersten bis zu letzten Minute der knapp zweistündigen Performance (mit Pause) lachend, weinend, heulend, schreiend und mit sich kämpfend Bühne samt Saal beherrscht. Unterstützt wird sie von einem einmal mehr fein ausgesuchten, präzise agierenden Ensemble, aus dem uns Jonathan McGarrity als DI Gaskill und Varun Raj als Therapeut besonders gefallen. Klasse wie stets ist das Programmheft von Igor Trkulja dazu. »Back to Live« – titelt das English Theatre seine Spielzeit. Rückkehr gelungen.

Foto: © Kaufhold

Bis 6. November: Di.–Sa., 19.30 Uhr; So., 18 Uhr
www.english-theatre.de

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