Das Museum – ein Gerichtssaal

»Three Doors« – eine Ausstellung im Kunstverein von u.a. Forensic Architecture zu den Anschlägen von Hanau und dem Tod von Oury Jalloh

»Three Doors«, hinter die jetzt der Kunstverein zu blicken einlädt, ist ein Blick in den Abgrund polizeilicher Ermittlungsarbeit, eine akribisch recherchierte Konfrontation gegen das Wegsehen und Vertuschen staatlicher Institutionen bei rechtsextremer, rassistischer Gewalt. Die Londoner Recherchenetzwerk und Künstler*innenkollektiv Forensic Architecture mit ihrer deutschen Schwesternorganisation forensis, gegründet von dem Israeli Eyal Weizman, ist dem Centre of Research Architecture an der University of London angeschlossen und beschäftigt sich unter Zuhilfenahme digitaler und investigativer Methodik und Technologien mit forensischen Untersuchungen zu rassistisch motivierten Anschlägen. Sie bilden praktisch alternative Gerichtssäle nach. Sie arbeiten ausschließlich für zivile Opfer, NGOs und unabhängige Vereine. Mit ihrer Arbeit bewegen sie sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und dessen Sichtbarmachung im öffentlichen Kunstraum. Forensic Architecture wurde von der Initiative 19. Februar in Hanau, dem Anwaltsteam einer der Opferfamilien und dem Frankfurter Kunstverein mit der Untersuchung der Vorgänge in Hanau am 19. Februar 2020 beauftragt. Diese Ausstellung handelt also von der Veröffentlichung von politischen Zuständen und von der Sichtbarmachung von Rassismus. Ob das Kunst ist? Ja sehr wohl, wenn man Kunst als etwas versteht, das den Blick in die Gesellschaft verändert. Jede Kunstform beabsichtigt das, es ist ihre Prämisse.
»Three Doors«, drei Türen, sind nicht nur ein symbolkräftiges sondern ein wahrhaftiges Bild. Sie meinen die Tür zum Notausgang der Arena Bar in Hanau, die am 19. Februar 2020 verschlossen gewesen war, als die tödlichen Schüsse fielen. Sie meinen die Eingangstür des Täter-Hauses in der Hanauer Helmholtzstraße, die nicht bewacht wurde, und durch die der Täter hätte fliehen oder noch weitere Personen hätte töten können. Und sie meinen die Tür zur Dessauer Gefängniszelle des Oury Jalloh, hinter der er am 7. Januar 2005 verbrannte.
Sie meinen das nicht besetzte Notfalltelefon, das Vili-Viorel Pǎun in der Tatnacht trotz verzweifelter Versuche nicht erreichen konnte. Sie meinen die nicht gehörten Schreie des verbrennenden, auf der Matratze festgeschnürten Oury Jalloh, sie meinen das Feuerzeug, das erst drei Tage nach der Ermittlungsaufnahme gefunden wurde und bezeugen sollte, das er sich selbst angezündet hatte. Sie meinen den rechtsextremen Chat von 13 Polizisten, die bei der Ermittlungsarbeit im Falle von Hanau hinzugezogen worden. Sie meinen die Aussage von Polizeibeamten, die selbst zugaben, in Hanau nicht so gründlich ermittelt zu haben, weil der Täter ja Selbstmord begangen habe und die Tat somit aufgeklärt sei.
Die Ausstellung verteilt verschiedene Perspektiven stringent auf unterschiedliche Räume: im Vorraum des ersten Stockwerks kann man über drei Audiostationen die Rundfunkproduktion »Die Lücke von Hanau« der SWR-Journalisten Dietrich Brants und Jan Tussing hören, die umfangreich zur Biografie des Täters geforscht haben und ihr Wissen in acht mehrteiligen Episoden vermitteln.
Im rechten Saal dann entfalten sich dann in derart bestechender Vielfalt und investigativer Fülle die Untersuchungsergebnisse von Forensic Architecture, dass man über die Mängel der polizeilichen Ermittlungsarbeit, die Härte, mit der gegen die Angehörigen vorgegangen wurde, nur entsetzt sein kann. Das kann nicht der Staat sein, in dem man leben will. Und genau diese Frage will die Ausstellung laut der Leiterin des Kunstvereins Franziska Nori, die sich hier als curatorial host versteht, aufwerfen und in die Gesellschaft tragen: Wie soll der Staat aussehen, in dem wir leben wollen? Was können zivile Kräfte tun, um zur Veränderung beizutragen?
Der linke Saal ist den Angehörigen gewidmet. In zehn eigens für die Ausstellung produzierten Videos erzählen sie in aufwühlender Zeugenschaft von den Hergängen, ihren Erfahrungen mit der Polizei, den Lehren, die sie aus den rassistischen Taten gezogen haben. Aus vielen dieser Sätze, die dort fallen, sprechen ein nahezu beschämender Mut und eine glasklare Einsicht in das alternativlose Vorwärtsschreiten im Kampf gegen Rechtextremismus und Rassismus.
Die Ereignisse von Hanau sind ein Wendepunkt, das wird in »Three Doors« deutlich, haben eine Strahlkraft für demokratisches zivilpolitisches Engagement hinein in die Gesellschaft entwickelt. »Methodisches Wegsehen« bei rechtem Terror ist bei staatlichen Institutionen immer wieder festzustellen wie beispielsweise die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den Vater des Täters, der mit einer rechtsextremen rassistischen Einstellung sehr wohl seinen Sohn beeinflusst hat. Es läuft als Subtext quasi mit. Hier haben die Opfer selbst zur Aufklärung und Vermittlungsarbeit eingeladen.
Im zweiten Stock sind die Vorgänge zu Oury Jalloh in zwei Stationen zusammen gefasst. Zum einen wurden die Zelle und ein Teil des Korridors im Gefängnis von Dessau nachgebaut, in einem gesonderten Raum ist das Video der »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh« zu sehen, der selbst organisierte Versuch einer Aufklärung über den Tathergang, über die vergeblichen Versuche, extreme Unklarheiten und Widersprüche bei den polizeilichen Vernehmungen zu untersuchen.
Gebührender Platz ist abschließend Forensic Architecture gewidmet, die ihre Arbeitsprojekte und ihre Methodik in Videos und Texttafeln präsentieren.
Es zerreißt einem das Herz. Was es natürlich nicht tun sollte, bei aller wissenschaftlichen Akribie, die Forensic Architecture hat walten lassen. Bei all der nüchternen Präsentation, bei den Schautafeln, Wohnungsplanskizzen, bei der Rekonstruktion des Helikopterfluges, der minutiösen Aufarbeitung der Schallverhältnisse, beim Nachvollzug des Eintreffens des SEK, bei der Platzierung der SEK-Wagen um das Täterwohnhaus in der Hanauer Helmholtzstrasse. Man verliert die Fassung, wie hier mit feinster Akkuratesse alle Fehler, alle Unterlassungen, alle Vertuschungen der Polizei, der Ermittler, aufgelistet werden. Bis heute ist kein einziges Wort der Entschuldigung für die Versäumnisse, Ungenauigkeiten und Unterlassungen gefallen, vielleicht kommt das ja noch. Nach DIESER Ausstellung. Am besten gehen alle hin.

Susanne Asal
Foto: Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2022 mit der Doku-Serie »Die Lücke von Hanau« (2022) von Dietrich Brants und Jan Tussing, dem Video »Einladung« (2022) von Forensic Architecture/Forensis und die Initiative 19. Februar Hanau und In Erinnerung an alle Opfer rassistischer Gewalt
©Frankfurter Kunstverein/Foto: Norbert Miguletz

bis zum 11. September: Di.–So., 11–19 Uhr; Do., 11–21 Uhr
www.fkv.de

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