Der Regisseur Jean-Pierre Améris ist in Frankreich bekannt für unprätentiöses Unterhaltungskino. Mit einsamen Figuren, kinderlos zumeist, die vor dem Risiko enger Bindungen zu anderen Menschen zurückschrecken und unbewusst auf jemanden warten, der ihren Mut stärkt und damit ihre Freude am Leben weckt. Sein neuer Film handelt von einem alt gewordenen Chansonier, den auf offener Bühne ein Schlaganfall trifft.
Wenn Antoine Toussaint (Gérard Darmon) bei seinem Auftritt in der Pariser Music-Hall »Mambo italiano« singt und dazu swingt, sieht man ihm die siebzig Jahre nicht an. Bis er mitten im Lied zusammenbricht. Schnitt. Ein Jahr später sieht man ihm das Alter sehr wohl an, wenn er mit seinem Manager Claude (Patrick Timsit) zum Bahnhof eilt. Er will den Zug nach Genf nehmen, nicht mehr singen und erst recht keine Chansons mehr schreiben.
Doch kaum hat Antoine den Manager, der mitfahren wollte, abgewimmelt, setzt sich ihm gegenüber die aufgedrehte Victoire (Valérie Lemercier), die den bekannten Chansonier sofort erkennt und ihn anhimmelt. Um seine Ruhe ist es geschehen, denn Victoire versucht offenbar mit ihrem aufdringlichen Gerede ihre eigenen Probleme zu überdecken.
Weil sie kein Ticket hat, schwindelt sie sich mithilfe ihres berühmten Nachbarn durch die Kontrolle einer gutmütigen Schaffnerin (Aurore Déon). Zudem eröffnet sie dem genervten Antoine, dass sie auf Hafturlaub ist und Frankreich eigentlich nicht verlassen darf. Doch ihre Tochter wird an diesem Wochenende in Genf heiraten, und das will sie nicht verpassen, obwohl sie ausdrücklich ausgeladen worden ist.
In Genf angekommen, verabschiedet sich Antoine von ihr, gibt ihr noch ein Autogramm und schenkt ihr schließlich auch seine lederne Schreibmappe, die er nicht mehr brauche, sagt er. (Eine Geste, die uns etwas verwundert.)
Doch losgeworden ist Antoine seine Zugbekanntschaft noch lange nicht. Sie springt zu ihm in den Wagen, den das Grand Hôtel für den bekannten Gast bereitgestellt hat, und bekniet ihn, doch zur Hochzeit ihrer Tochter mitzukommen und auf der Feier zu singen, was Antoine entschieden ablehnt. Aber auch der erneute Abschied vor dem Hotel wird nur ein vorläufiger sein.
Immerhin bleiben dem mürrischen Alten ein paar ruhige Stunden. Was bis dahin im Film nur angedeutet wurde, offenbart er am späten Abend dem Barmann (Jean-Pierre Gos) – und uns Zuschauern. Es sei die letzte Nacht in seinem Leben, er wolle nicht auf einen zweiten Schlaganfall warten, sagt er. »Ich habe einen Verein gefunden, der sich um Leute wie mich kümmert.« Der Barmann, der gelernt hat, den Gästen niemals zu widersprechen, meint dazu: »Jeder hat es verdient, Zugang zu einem friedlichen Tod zu haben.«
Der festgesetzte Todestermin wird am nächsten Tag abgesagt, weil Antoine seinen Pass nicht finden kann. Ohne Pass keine Sterbehilfe in der Schweiz. Und der steckt in der Schreibmappe, die er Victoire geschenkt hat – gewissermaßen als Erbstück.
Plötzlich hat Victoire, die neben dem Pass auch ein Formular der Sterbehilfe in der Mappe entdeckt, ein Druckmittel, Antoine auf die Hochzeit mitzuschleifen. Sie verspricht ihm den Pass, wenn er auf der Hochzeitsfeier die Rolle ihres neuen Freundes spielt.
Neben ihrer nicht gerade erbauten Tochter Constance (Alice de Lencquesaing), einem Muster an Seriosität, wirkt Victoire noch ausgeflippter. Ob sie unter Drogen stehe, fragt sie ihr Ex-Ehemann (Eric Viellard). Das abweisende Verhalten ihrer Familie, das sie mit einer geschmacklosen Erzählung über das Sexleben von Bettwanzen noch verstärkt, weckt in Antoine Mitgefühl. Und um die peinliche Situation zu retten, singt er schnell das Lied mit dem »Mambo italiano«, dessen Titel »Aimons-nous vivants« der Film auch in Frankreich trägt.
Antoines veröffentlichten Tod kann unterdessen Agent Claude nicht verhindern, aber ihn von seinem realen Tod abzuhalten wird Victoires Aufgabe. Unsere Erinnerung an »Die Filzlaus« (L’emmerdeur) von Édouard Molinaro blitzt nur kurz auf, denn Victoire kämpft mit weiblich-raffiniertem Florett. Er interessiere sich nicht genug für andere, attestiert sie Antoine. Doch der sieht, wie seine Fans um ihn trauern, hat er doch das Leben und die Liebe so mitreißend besungen. Da kümmert er sich nicht mehr um einen neuen Suizid-Termin.
Hierzulande ist Jean-Pierre Améris durch die originelle Komödie »Die anonymen Romantiker« (Les émotifs anonymes), in der zwei schüchterne Menschen zueinander finden, positiv aufgefallen. Auch damals glänzte er mit einem Gespür für sympathische Figuren, die er durch einen Prozess der Läuterung führte. Ein Feuerwerk an Ideen sorgt auch in seinem neuen Film (Co-Autorin: Marion Michau) für ein Vergnügen, dem es nicht an Tiefgang fehlt.
