»Der perfekte Chef« von Fernando León de Aranoa

Ein glänzend aufgelegter Javier Bardem und ein intelligentes Drehbuch haben dieser schwarzen Komödie zu vier Goyas, den wichtigsten spanischen Filmpreisen, und zu insgesamt zwanzig Nominierungen verholfen. Bardems famose Darstellung eines fürsorglichen Patriarchen in der vom Vorbildvater geerbten Fabrik für Industrie-Waagen entpuppt sich innerhalb einer Film-Woche als eine schaurig-schöne Heuchelei.

Wenn Julio Blanco mit seiner Jaguar-Limousine durch das Hoftor fährt, kontrolliert er die mechanische Waage, die dort jedermann anzeigt, worum es in dem Werk dahinter geht. Ein Vögelchen hat die beiden Waagschalen aus dem Gleichgewicht gebracht, was natürlich überhaupt nicht geht, moniert der Chef beim Wachmann. Die Waage symbolisiert doch die gesamte Firma, und die ist für die Zuverlässigkeit ihrer Produkte berühmt. Señor Blanco hat schließlich alle möglichen Preise gewonnen, sogar den Oscar der Industrie, den deutschen »schönen Ritter«. Nur der Preis für exzellente Geschäftsführung, dessen Verleihung die Regionalregierung schon ankündigt hat, fehlt ihm noch in seiner Sammlung.
Ob es darum geht, Salva (Martin Páez, wunderbar unsympathisch), den missratenen Sohn seines Mitarbeiters Fortuna (Celso Bugallo) aus dem Untersuchungsgefängnis herauszuholen oder die kriselnde Ehe seines Produktionsleiters Miralles (Manolo Solo) zu retten, der in seiner Verzweiflung extrem kostspielige Fehler macht – Señor Blanco kümmert sich darum.
Die feierliche Betriebsversammlung nimmt er zum Anlass, seine Mitarbeiter als Ersatz für seine nicht vorhandenen Kinder zu umschmeicheln. Wie in einer richtigen Familie liebe er einige etwas mehr und auch den einen oder anderen etwas weniger. Doch bei seiner herzerwärmenden Rede wird er von dem gerade gekündigten Mitarbeiter José (Óscar de la Fuente) mit lautstarkem Protest gestört. José schlägt tags darauf mit seinen Kindern ein Protest-Camp vor dem Fabriktor auf, ruft durch ein Megaphon kämpferische Parolen gegen Blanco und gefährdet so dessen ersehnte Prämierung.
Aber Julio Blanco wäre nicht Julio Blanco, wenn er nicht auch für dieses Problem eine Lösung fände. Mag sie auch noch so verwerflich sein. »Fleiß, Balance, Loyalität« ist an eine Wand als Motto für die Angestellten gepinselt. Wer dagegen verstößt, hat sich die bitteren Konsequenzen selbst zuzuschreiben. »Manchmal muss man die Waage etwas anstupsen, damit sie das Gewicht richtig anzeigt«, verkündet »El buen patrón« – so der Originaltitel.
Nur in der jungen Praktikantin Liliana (Almudena Amor) erwächst ihm eine ebenbürtige Gegnerin. Mit ihrem attraktiven Äußeren und zuckersüßem Lächeln bringt sie Julios Hormonhaushalt in Fahrt, bevor er erfährt, dass sie die Tochter eines Jugendfreundes ist, die er schon als Baby im Arm gehalten hat. Zur Marketing-Expertin herangereift, lässt sich mit ihr vortrefflich über die Astrologie – sie ist natürlich im Zeichen der Waage geboren – und die Heisenbergsche Unschärferelation diskutieren, nach der jede Beziehung zur Veränderung der Beteiligten beitrage.
Man braucht jedoch keine physikalische Ausbildung, um an dem Film seinen Spaß zu haben. Neben Bardems augenzwinkerndem Spiel steigern die muntere Inszenierung von Fernando León de Aranoa, die schnörkellose Kamera von Pau Esteve Birba und die sehr gelungene Filmmusik von Zeltia Montes den Unterhaltungswert dieser köstlichen Komödie.

Claus Wecker / Foto: © Alamode Film

 

DER PERFEKTE CHEF (El buen patrón)
von Fernando León de Aranoa, E 2021,
120 Min.
mit Javier Bardem, Manolo Solo, Almudena Amor, Óscar de la Fuente, Sonia Almarcha, Fernando Albizu
Komödie / Start: 28.07.2022

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