Elfriede Jelinek: »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen« am Schauspiel Frankfurt

In Frankfurt ist es ganz klar die Inszenierung der Stunde. Sie hätte es schon zu einem früheren Zeitpunkt sein sollen/können; ist ihr Thema doch (auch) Corona, musste aber coronabedingt verschoben werden. Doch im Grunde ist das völlig egal, denn man braucht sie nicht an ein konkretes Ereignis zu heften. Sie meißelt nicht Corona, sondern Mythenbildungen heraus und fragt, was gesellschaftliche Strukturen damit zu tun haben. Das hört sich jetzt so papiern an, doch auf der Bühne, so wie Stefan Bachmann Elfriede Jelineks Text »Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen! Was ich sagen wollte« inszeniert hat, der ja von der Pandemie handelt, aber eben nicht nur, ist es sinnlich, berührend, verzaubernd, in seiner Stilisierung fast zum Heulen schön wahrhaftig.
Der Text – ein Monolith. Ein Sprachgebirge, das sich über den endlosen, auch endlos banalen, völlig nutzlosen, in sich abgekapselten Debatten auftürmt, wie wir sie von Talkshows und Stammtischen kennen, dieses Endlosgeplapper verziert mit irgendwie aus Wikipedia oder Google oder Telegram abgepressten Definitionen, die schwankend sind wie das berühmte Mäntelchen im Wind. Das Leben ist bloß Konsum von Daten, die bei den Konsumenten nur noch als Stream ankommen, als häuslicher Debattenverstärker voller scheinbarer Informationen, die sofort weitergeleitet werden (müssen) und Blasen bilden, ein Gebilde, aus dem man Sensationen saugen kann. Hauptsache ist dabei nicht das Wissen, sondern die Aufregung: Ist Lärm, verursacht Tinnitus, macht aber blind. Die Abkehr von der Vernunft, von reflektierendem Denken ist diesem Text eingeschrieben.
Bei ihr werden verhandelt: Corona, der Ausbruch des Virus in Ischgl, Verschwörungstheorien, Bill Gates, Chips unter der Haut, Virologen-Sprech, die Diktatur der Rothschilds und Soros, die Schlachthofskandale der Firma Tönnies, und in einem extra für das Schauspiel Frankfurt geschriebenen Text die auf Verdummung und List aufgebaute Karriere des Sebastian Kurz. Das ist viel, aber gehört irgendwie zusammen, so wie es zeitlich ja auch zusammengehört hat, ein einziges Konglomerat von Gesellschaftspanoramen, in denen die Blasen-Twitter-Weiterleiten-Manie eben jene Verdummung zur Folge hat. Kurz wurde gewählt, weil er Oberfläche ist, nichts weiter, und dahinter eben Betrug.
Wobei wir bei den Mythen und den gesellschaftlichen Strukturen sind. Denn eine Ebene genügt Jelinek nicht, sie verwebt die aktuelle mit der Geschichte der Circe aus der Odyssee, die nicht nur die Seefahrer in Schweine verwandelte (und wieder zurückverwandelte), sondern auch als Seherin galt, die dem listigen – nicht klugen – Odysseus den Weg zu dem blinden Seher Teiresias wies. Willkommen doppelter, dreifacher Boden. Die Après-Ski-Szene von Ischgl mit dem Gastmahl der Circe zu verkoppeln und Sebastian Kurz (der namentlich nie genannt wird) mit Odysseus weist tatsächlich sehr weit hinaus in die interpretatorischen Sphären. Im Mythos der Odyssee wird laut Adorno die Natur instrumentalisiert. Hier, wie wir sehen werden, auch.
Jelinek schreibt keine Szenen, keine Dialoge, keine Monologe, sondern wirft einen Textblock hin, den Regisseur und Schauspieler bitte in verdauliche Portionen sinnstiftend zerkleinern mögen.
An die Arbeit, denn Arbeit ist es: ein heiliger Lichtstrahl fällt auf ein dunkles Ufo (Bühne: Olaf Altmann), dazu Gegrunze und Gequieke aus dem Schweinekoben. Das Ufo teilt sich allmählich in zwei Planetenringe, ganz zögerlich zuerst, und zwei Schauspielerinnen in Schweinsanzügen erklettern das Rund. Ihre Fettanzüge sind bereits für das Schlachten markiert, Keule, Bug, Haxe, die wahrhaftigen Tönnies-Schweinchen. Und dann setzt das Plappern ein, die größten Banalitäten, das größtmögliche Pseudowissen, ein einziger Mahlstrom an populistischem Blödsinn ergießt sich aus ihren Schnauzen, immer alles brav weitergeleitet, die Ohren steif, die Ringelschwänzchen wackelnd. Bald sind sie zu siebt (Christina Geiße, Heidi Ecks, Agnes Kammerer, André Meyer, Heiko Raulin, Melanie Straub, Susanne-Marie Wrage). Und wie sie da den größten Schwachsinn von sich geben, Querdenker-Parolen, Bildzeitungs-Sprech, Passagen tatsächlich aus der Odyssee – sind sie so lieb, so menschlich, wie sie da, grade eben erst als Schlachtvieh geboren, ihrem sicheren Tod entgegen plappern. In Mauerschau-Manier berichten sie uns, den Zuschauer*innen, von Erlebtem, Gehörtem, Gesehenem, Weitergeleitetem, den ganzen Sprachmüll. Und von der Auferstehung eines göttlichen Schweins in der Münchner Theatinerkirche, der Text verfasst von Oskar Panizza, das ist herrlich absurd, ertrinkt in der Ironie der Wahrhaftigkeit. Das Geplapper, der Lärm, sind schnell als der verzweifelt komische Versuch identifiziert, sich Gewissheit zu verschaffen, Kontrolle über den Kontrollverlust zu erlangen.
Die Planetenringe kreiseln wie die Worte, aus der leeren Mitte – denn hier muss die Mitte leer bleiben – säuselt ein wenig banaler Dampf. Es wird gerappt, in Hexametern gesprochen, in Gruppen, einzeln, zu zweit, gegen den Strom, gegen die Richtung gehetzt, die Schweine hoppeln, springen, stopfen sich hemmungslos Popcorn in den Mund bei ihren Mauerschauen, paddeln als Odysseus-Gefährten auf dem schmalen Welten-Ring. André Meyer hat einen wundervoll poetischen Auftritt mit einer Sexpuppe.
Und das alles geschieht im Rhythmus einer vom Metronom angeleiteten Klaviermusik, live (Sven Kaiser). Eine einzige Verzauberung, eine ganz wunderbare Ensemble-Leistung. Am Schluss versammeln sich alle zum Abschlusschor, diesmal in ganz in Türkis gekleidet, der Farbe der ÖVP. Bermudashorts, Kinderanzüge.
So sind sie halt, die Strukturen.
Wir wissen (eigentlich) alles, aber was wir sehen – ist nichts. Daniel Defoes »Ein Bericht vom Pestjahr« in London 1665 und Heinrich Heines »Ich rede über die Cholera, ein Bericht aus Paris von 1832« legen Zeugnis ab über die sozialen und politischen Verwerfungen während der Seuchen. Elfriede Jelinek übernimmt mit ihrem Text die Augenzeugenschaft für die Jetzt-Zeit. Hat sich seither etwas verändert? Oder tappen wir nur blind umher?
Die Inszenierung ist es wert, mehrmals gesehen zu werden. Adorno und Hannah Arendt wären eine gute Begleitung.

Susanne Asal / Foto: © Thomas Aurin

Termin: ab 8. Oktober wieder im Spielplan
www.schauspielfrankfurt.de

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