… sind von unschätzbarem Wert. Sie können heilen, Wunder bewirken, selig machen und mit einer außerwirklichen Wirklichkeit verbinden. Man muss nur an sie glauben, an die heilige Maria Mutter Gottes.
Unter diesem Aspekt sind sie das Glück schlechthin. Und ist es nicht so, fragt Museumsleiter Matthias Wagner K, dass es eine ungestillte Sehnsucht gibt nach dem göttlich Tröstlichen in der Gegenwart, eigentlich durch alle Zeiten immer gegeben hat, eine Konstante in der Welt benennt, auf die man sich stets besinnen kann? Auch im buddhistischen Mandala, ergänzt Kuratorin Konstanze Runge, gebe es diesen Wunsch nach einer Verbindung mit dem Transzendenten. Allen Religionen ist dieser Wunsch immanent, ist sein ideelles Sprungbrett, von der aus sich dann erst Legenden, Lehren, sein Personal entwickeln.
Das Ikonenmuseum zeigt nun 25 Kostbarkeiten aus den Sammlungen des Bode-Museums in den Kontext seiner eigenen und legt dabei besonderen Wert auf die Nachzeichnung der Werke, die so oft einen verschlungenen, weiten Weg gegangen sind. Sie werden nun zurück ins Bode-Museum gegeben, das sie 1999 so großzügig nach Frankfurt ausgeliehen hat. Warum dann also nicht gleich ihre Provenienz untersuchen? Darin mischen sich die unterschiedlichsten Ströme und Bildtraditionen, obwohl doch die Form der Darstellung in einer Ikone stets festgeschrieben ist, die Stilistik, die Körperhaltungen, die Farben. Das ist interessant, denn eine Kunstgeschichte lässt sich in diesem Zusammenhang nicht schlussendlich nacherzählen, es gibt auch kaum eine Autoren-Handschrift, denn dies war alles nicht wichtig. Wichtig war einzig das Bildnis, in dem gemäß des orthodoxen Glaubens nach die Heiligen direkt zu dem Gläubigen sprachen, ja sie manifestierten sich in diesem Heiligenbild. Wer es tatsächlich gemalt hat – egal. Eine Ikone war kein Kunstgegenstand oder ein Schmuckbildnis, sie vermittelte vielmehr die Präsenz des Göttlichen. Man nahm sie mit auf Reisen oder küsste sie auch einmal ab.
Und doch: es ist aufschlussreich! Ihre Geschichte spiegelt sehr wohl kunsthistorische Moden und Stile und vor allem auch die Herkunft wider. Beispielsweise kamen nach der russischen Revolution ganze Fluten von Ikonen auf den Markt, wenn sie nicht zerstört worden waren: entweder auf lokalen Straßenhandels-Märkten oder auch in den offiziellen Handel, ein Instrument, das benutzt wurde, um Devisen in die klammen Kassen zu spülen. Mehrere dieser Ikonen sind hier präsent, beispielsweise die »Taufe Christi« aus dem 17. Jahrhundert, mit Temperafarben auf Holz über Leinwand gemalt. Sie wurde 1926 von Oskar Wulff in Leningrad für das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum gekauft worden.
Nachvollziehen lässt sich auch der Weg, den ein »Johannes der Täufer« aus der syrischen Malschule in Aleppo zurücklegte, und dem 17./18. Jahrhundert zugerechnet werden kann. Die Käuferin Martha Koch, Ehefrau des Konsuls und Antiquitätenhandlers Karl Friedrich Koch, erstand sie 1902 in Aleppo. In der orthodoxen Tradition wird Johannes oft als geflügelter Asket dargestellt, und hier präsentiert er im dramatischen Bildaufbau seinen eigenen enthaupteten Kopf in der goldenen Herodes-Schale.
Zwei kleine Außenflügel eines vermutlich portablen Triptychons entstammen dem 15. Jahrhundert und sind in ihrer Gestaltung einer ganz besonderen Schule zuzuordnen: der italo-kretischen, in der sich mit den orthodoxen Traditionen die ersten Bezüge zur italienischen Frührenaissance erkennen lassen. Beide sind mit Eitempera auf Holz gemalt, haben einen hellen – keinen goldenen oder dunklen Untergrund. Sie zeigen Jesus mit drei seiner Jünger im Garten Gethsemane und ein »Noli me tangere«, die Begegnung von Jesus mit Maria Magdalena, so dass im fehlenden Mittelteil vermutlich die Kreuzigung zu sehen war.
Und so legt der Blick des Betrachters Schicht um Schicht die Bezüge offen, wenn er genau hinschaut, unter den wachsamen Augen der Heiligen.
Marias Blicke … »Ikonen auf dem Weg. Schätze aus dem Bode-Museum Berlin« im Ikonenmuseum