Ensemble 9. November: Wilfried Fiebig inszeniert mit »Rimbaud« im Gallustheater ein weiteres Gesamtkunstwerk

Der Vorhang vor der großen Bühne öffnet sich. Und gibt den Blick frei ins Dunkel: Liegen da Körper auf dem Boden? Vom Piano hinten links spielt Theodor Köhler die auch von ihm komponierten Melodien, Betty Nieswandt schreitet mit der Querflöte über die Bühne und die Sängerin Bernadette Schäfer vorne am Bühnenrand intoniert eine Melodie: »Es ist ein Loch im Grünen« (C’est un trou de verdure), die erste Zeile von Arthur Rimbauds bekanntestem – und durchaus verstörendem – Sonett »Le Dormeur du Val« (Der Schläfer im Tal). Der Text des Gedichts wird in aller Deutlichkeit wiederholt: die romantisch anmutende Beschreibung eines jungen Soldaten endet brutal: »Er hat zwei rote Löcher auf der rechten Seite«, so hier in der Übersetzung. Es gibt deren mehrere, auch von Stefan George, Paul Zech oder Paul Celan. Schüsse also, welcher Krieg ist da gemeint? Der deutsch-französische Krieg 1870/71? Oder doch Revolutionen? Befreiungskriege?
Egal, tot ist tot, dann wieder das Kampflied: die Marseillaise. Im Krieg wie in der Revolution geht es eben – auch? immer? – um Höheres. Oder »um die Wurst«, auch das wird wörtlich und genussvoll umgesetzt. Und es geht, wie hier, um die Identität des Individuums: »Ich ist ein anderer«, auf der Reise durch die »stinkenden Straßen der Welt«, immer wieder unterbrochen durch die Musik der Revolution – und die Möglichkeiten der Hoffnung aufs Satt-werden – nah dran an Rimbauds Biographie, die so dem Publikum nahebracht wird.
Hier einige Hinweise dazu: Der 17-Jährige Arthur Rimbaud aus Charlesville geht in Paris eine heftige konfliktreiche Beziehung mit dem zehn Jahre älteren Paul Verlaine ein, der, weil er auf Rimbaud geschossen hat, für zwei Jahre im Knast landet. Auch Rimbauds Karriere als Dichter ist damit beendet, er wird Handlungsreisender in den Kolonien in Afrika. »Eine Zeit in der Hölle – Une saison en enfer« heißt der letzte von ihm veröffentlichte Prosaband. Auf Anraten seiner frommen Schwester vernichtete Rimbaud die ihm verbliebenen Manuskripte und stirbt an Knochenkrebs, nachdem auch die Amputation eines Beines keine Heilung bringt. Allerdings hat der inzwischen auch religiös geworden Paul Verlaine einen Großteil seiner Gedichte abgeschrieben und somit uns zugänglich gemacht!
Doch zurück ins Theater: »Ich werde meinen Schatz nicht verschwenden« – zwei Stimmen sprechen jetzt den Text dieses Verweigerers und Suchers nach Identität – »Ich ist ein Anderer / Schlimm für das Holz, / wenn es sich als Geige wiederfindet (…)«. Der farbig wechselnde Hintergrund und die wie sanft schaukelnde Schiffsandeutungen auf der Bühne begleiten die Selbstreflexionen über den Un-Sinn des Lebens. Verse, Musik, Klang und Projektionen zum Teil rätselhaft bleibender Bilder im Hintergrund bieten Augen und Ohren eine wunderbare dialektische – also nicht widerspruchsfreie – Präsentation einer Dichterseele.
Myriam Tancredi, Katrin Schyns und Richard Köhler geben den Texten und Liedern Farbe und Form, die Musik am Piano kommt von Theodor Köhler. Wilfried Fiebig ist zusammen mit Helen Körte und dem Ensemble 9. November (E9N) erneut ein fesselndes Projekt und eine große Hommage an einen Dichter »aus wilder Zeit« gelungen. Ein wunderbarer synästhetischer – also alle Sinne berührender – Abend, den niemand verpassen sollte.

Katrin Swoboda / Foto: © Ensemble 9. November
Termine: 4.–7. April, 20 Uhr
www.gallustheater.de

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