Thüringen, ostdeutsche Lebensläufe und die entsprechenden Befindlichkeiten, dazu die Vorgänge um eine Castingshow – es herrscht kein Mangel an Themen und Personen in Eva Trepischs drittem Spielfilm »Etwas ganz Besonderes«. Er präsentiert sich gewissermaßen als Gegenentwurf zu ihrem Vorgängerfilm »Ivo«, der sich auf eine Palliativpflegerin und deren anspruchsvolle Arbeit konzentrierte.
Bilder aus einem ehemals mittel-, jetzt ostdeutschen Land: ein krankes Pferd wird behandelt, ein Mann, offenbar der Vater, bringt ein kleines, blondes Mädchen zu seiner Mutter und deren männlichen Mitbewohner unaufgeregt zurück. In einer Gastwirtschaft singt die mittlerweile herangewachsene Blondine mit schüchterner Stimme auf einer Feier. Anschließend verkündet sie den Umzug zu ihrem Vater. Ihre Mutter werde sie nicht vermissen, erklärt sie dem erstaunten Papa.
Bevor der durchgehend in kleinen Buchstaben geschriebene Titel erscheint, zeigt Regisseurin Eva Tropisch Szenen einer zerbrochenen Familie. Doch erst als ein TV-Mann die heranwachsende Lea (Frida Hornemann, sehr überzeugend) fragt: »Wer bist Du und was macht Dich aus?« und ihre schlüssige Antwort auch nach weiterem Nachbohren ausbleibt, bekommen wir einen Hinweis, worum es in dem Film geht: um (ost-)deutsche Identität.
Tropisch belässt es nicht bei der Castingshow, mit der sie eine künstliche, westliche Medienwelt der unspektakulären, östlichen Provinz gegenüberstellt. Sie entwickelt ein ganzes Bündel von Handlungsfäden. Da bemühen sich die Großeltern Christl (Rahel Ohm) und Friedrich (Peter René Lüdicke), ihre kleine Wald-Pension vor der Insolvenz zu retten, und nerven die Familie. Derweil kommen sich Leas getrennt lebende Eltern Matze (Max Riemelt) und Rieke (Gina Henkel), die von Arthur (Florian Lukas) schwanger ist, wieder näher.
Leas Tante Kati (Eva Löbau) ist damit beschäftigt, ein zu DDR-Zeiten in ein Altenheim umfunktioniertes Schloss in ein attraktives Museum zu verwandeln. Bei der Eröffnung wird eine freigelegte Barockdecke allgemein bewundert, aber der Versuch, die Provinzstadt Greiz nahe Gera für Touristen attraktiv zu machen, stößt bei den Einheimischen auf Skepsis. Politik bleibt am Rande. Zuständig dafür wäre Leas Cousin Edgar (Florian Geißelmann), ein linker Aktivist, der es bei einer kleinen Rede belässt. Er ist in Leas beste Freundin Bonny (Ida Fischer) frisch verliebt, und das beschäftigt auch Bonny so sehr, dass sie versäumt, Lea bei der Castingshow beizustehen.
Es ist nicht immer leicht, in dieser Gemengelage die Übersicht zu behalten, zumal die Kamera von Adrian Campean – wie Editorin Laura Lauzemis schon bei »Ivo« dabei – ständig die Perspektive wechselt und mal hierhin, mal dorthin schaut. In der Schnittphase habe man oft Test-Screenings gemacht, um für die verschiedenen Stränge ein narratives Gleichgewicht zu finden, berichtet Tropisch.
Die Berlinerin Tropisch erkundet den Handlungsort Greiz, wo ihr Großvater geboren wurde, als unbekanntes Land, das für ihre eigene Identität bedeutsam sein könnte. (Ein persönlicher Bezug hilft, Klischees zu vermeiden.) Ihre Familiengeschichte entzieht sich auch einer formalen Zuordnung. Mit ihrer beiläufigen Erzählweise tendiert sie zur Tragödie, mit der leisen Ironie zur Komödie und im Hauptstrang ist sie natürlich eine Coming-of-Age-Erzählung.
Auch ohne eine konventionelle Dramaturgie, die wir von klassischen Familienfilmen gewohnt sind, finden sich im Verlauf der zwei Kinostunden Anknüpfungspunkte, die wir mit eigenen Erfahrungen verbinden können. Und so ist der Film tatsächlich etwas ganz Besonderes.
