Frankfurt, von unten … und ein halb vergessener Schriftsteller – Zu »Schuld und Unschuld. Die Wandlung des Henry Jaeger« von Jakob Stein

In einem Jahr, am 29. Juni 2027 würde ein waschechter Frankfurter Schriftsteller hundert Jahre alt. Er starb bettelarm, nicht zuletzt Opfer der verdammten Schere zwischen E und U, die es in anglophonen Ländern nicht gibt, wohl aber bei uns. »Unterhaltende« Literatur, so beten sie immer noch in unseren Feuilletons, hat etwas Minderwertiges zu sein. Aus diesen Niederungen darf kein Kriminalroman aufsteigen, und wer als Autor selbst aus einem kriminellen Milieu kommt, nun ja … Nächstes Jahr jedenfalls wäre es an der Zeit, wenn dem Autor Henry Jaeger in seiner Heimatstadt in allen Ehren gedacht wird. Es gäbe verschiedene Veranstaltungen, die für so etwas in Frage kämen.

Als Karl-Heinz Jäger wuchs er in Frankfurt-Bornheim auf, in einer kleinen Wohnung im dritten Stock in der Fechenheimer Straße 13. Eine Gedenktafel erinnert dort an ihn. Und sonst? – Und sonst gibt es den Frankfurter Verleger Norbert Rojan, der mit seinem B3 Verlag unermüdlich die Erinnerung an den Schriftsteller Henry Jaeger hochhält. Vier seiner wichtigsten Romane wurden hier schon wieder neu aufgelegt, aktuell gerade »Der Club«; davor »Die Festung«, »Das Freudenhaus« und »Jakob auf der Leiter«. Vom Autor Jakob Stein – der zudem überaus formidable Frankfurter Kriminalromane schreibt, mehr dazu ganz unten – gibt es »Der Gröschatz. Ein Roman über Henry Jaeger, den Größten Schriftsteller aller Zeiten« (2019) und, gerade erschienen, »Schuld und Unschuld. Die Wandlung des Henry Jaeger«. Dessen Unterzeile betont: »Eine wahre Geschichte aus den Anfängen der Bundesrepublik den heutigen Generationen zur Erinnerung und Mahnung«.

Der Roman beginnt am Nachmittag des 30. Dezember 1954 im Casino Eich in der Moselstraße, einer Kneipe, in der am Abend an allen Tischen Karten gespielt wird: Skat, Schafkopf, auch mal Poker, Siebzehnundvier oder Blackjack, wie es die Amis nennen. Stolz der Kneipe und eine profitable Investition ist ein Fernseher, rechtzeitig zum WM-Endspiel Deutschland–Ungarn gekauft. Der Umsatz am Tag des »Wunders von Bern« bleibt unerreicht.
Das Casino Eich ist der Treffpunkt der »Jäger-Bande«, wie es einige solcher Banden zu jener Zeit im Bahnhofsviertel gibt. »Sie waren die Beschaffer für alles, was die Schieber und Hehler brauchten. Es gab eine russische Bande aus ehemaligen Zwangsarbeitern … es gab eine sogenannte Pommern-Bande, Flüchtlinge aus dem Osten, die keine Arbeit gefunden hatten … und es gab die Einzelgänger wie Joseph Korbmacher, den Vater von Willy und Horst. Während der Nazizeit saß er in verschiedenen Gefängnissen und Lagern ein … Als ›Gewohnheitsverbrecher‹ lernte er seine Söhne und deren Freund aus der Nachbarschaft an.«
Die Jäger-Bande, das sind Heinz, eigentlich Karl-Heinz, Horst, das Wiesel, und Willy, genannt Bubi. Als wir sie kennenlernen sind sie schon Profis. Alle drei sind sie (mehr oder weniger) vaterlos. Sie zählen zur »verlorenen Generation«. Der Vater von Karl-Heinz, ein Weiberheld und als selbstständiger Klempner vom Kriegsdienst befreit, hat die Familie mitten im Krieg verlassen. Ein älterer Halbbruder ist früh schon kriminell geworden und ist weggesperrt. Heinz hat nur die Nachbarskinder Horst und Willi Korbmacher. Er ist der Schlaueste von ihnen allen.
In den Jahren zwischen 1948 und 1955 leitete der spätere Schriftsteller – 1944 mit siebzehn zum Kriegsdienst eingezogen und schwer traumatisiert – eine dann in der ganzen Republik bekanntgewordene Räuberbande, die zahlreiche Überfälle und Einbrüche verübte. Der Roman gibt so etwas wie ein Motiv:

»Bonzen waren für Heinz, Horst und Willy alle Kriegsgewinnler und Neureiche, die sich immer mehr in Frankfurt zeigten. Größtenteils ehemalige Parteigänger und Offiziere, höhere Beamte, die sich wieder im Speck eingenistet hatten. Sie besaßen Banken, Firmen und Kaufhäuser und unterhielten beste Kontakte zu den Alliierten. Mit der neuen Administration – die Amtsstuben waren voll von alten Freunden, kaum einer war daraus entlassen worden – waren sie engstens vertraut und bekannt. Man half sich, wo man konnte. Es sollte, es musste ja wieder aufwärts gehen. Daher fragte auch niemand, woher das Haus, das Unternehmen, die finanziellen Mittel für die Beteiligungen aller Art stammten … Mit ehrlicher Arbeit war das nicht zu schaffen. Wenn man zu Geld kommen wollte, musste man andere Dinger drehen … Etwas den Bonzen zu nehmen, war für Horst, Heinz und Willy wie ein Spiel. Die hatten es sich genommen, also konnte man es sich wieder nehmen. Manchmal gab es noch nicht einmal Anzeigen, nachdem sie in eine Villa eingebrochen waren oder das Auto vor der Tür stahlen.« (Seite 21/22)

Am Silvestermorgen 1954 überfällt das Trio die Rentenauszahlungsstelle der Deutschen Bundespost in der Turnhalle im Oeder Weg. (Die Frankfurter Eintracht ist heute noch stolz darauf, verrät eine Internetseite.) Mit zwei Schüssen machen sie auf sich aufmerksam, das Schreien haben sie bei einem Fußballspiel geübt. Zwei der drei Waffen sind Attrappen. 35 Personen werden in eine Ecke des Auszahlraums gedrängt. Dann packen die hochgradig nervösen Jungs ein, übersehen Einiges. Bei ihrer Flucht in einem gestohlenen schnellen Citroën Avant Sechszylinder erlauben sich die Räuber die Frechheit, am Polizeipräsidium vorbeizufahren. Silvester wird in der New-York-City-Bar gefeiert, allerdings in gedämpfter Stimmung. Statt der erwarteten 300.000 Mark haben sie »nur« 80.000 erbeutet.

Die Staatsgewalt schäumt. Der Überfall führt zu einem massiven Vorgehen der Polizeibehörden gegen das Bandenunwesen. 6.000 Mark Belohnung werden ausgesetzt. Dann wird auf 11.000 Mark erhöht – die bis dahin höchste Summe in der jungen Bundesrepublik. Es ist ratsam, den Kopf einzuziehen, keine neuen Dinger zu drehen. Karl-Heinz verwandelt sich allmählich. In ihm wohnt noch ein anderer, Henry nennt er sich, er möchte anständig sein, träumt von einem anderen Leben, schreibt Gedichte und Geschichten. Dostojewski hat es ihm angetan. Den liest er, wieder und wieder. Und »Berlin Alexanderplatz«. Zitat:
»Das Buch von Döblin riss ihm förmlich den Schleier von den Augen. Was Döblin in Berlin rund um den Alexanderplatz beschrieb, das war genauso in Frankfurt zu finden. Henry sah die Straßen, Plätze, Passanten, Geschäfte, Lokale in einem neuen Licht, in einer nie zuvor wahrgenommenen Klarheit. Umgekehrt wollten ihm all diese Dinge, an denen er zuvor wie blind vorübergegangen war, etwas mitteilen: Schau hin, wir alle tragen eine Geschichte, eine Erinnerung, ein anderes Bild, eine Bedeutung in uns.
Eine Fahrt mit der Straßenbahn; die Berger Straße hinunter bis zur Hauptwache, dort einmal im Kreis, umsteigen in Richtung Zoo, in Berlin hieß es Tiergarten, wechseln auf die Strecke Ostbahnhof, Hanauer Landstraße, Riederhöfe bis zur Mainkur wurde zu einer Expedition. Henry stieg um, fuhr ein Stück zurück. Hinter den wenigen, noch halbwegs intakten Industriegebäuden war der große Schornstein der Verwertungsanlage zu sehen. Henry wollte weg von den mit Menschen überfüllten Straßen, floh vor dem Glitzer der Schaufenster, den wogenden Hüften und den stöckelnden schmalen Fesseln. Er wollte der Stadt selbst unter die Röcke sehen. Er suchte nach dem, was sich hinter den neuen Fassaden und außerhalb des Zentrums verbarg.« (Seite 232)

Die barocken Zwischentitel des Romans zeichnen die Richtung vor. Zum Beispiel »Fünftes Buch. Die Häscher kommen. Der Zufall hilft. Noch einmal schlüpft die Bande durch die Maschen. Karl-Heinz möchte anständig werden, möchte ein anderer, möchte Henry sein. Doch so einfach geht das nicht. Bücher ersetzen nicht die Wirklichkeit. Wie wird man ein Schriftsteller?« Das Buch wird nun zu mehr als einem Kriminalroman, zu mehr als einer Milieustudie, zu mehr als einer blendend recherchierten Geschichte aus dem Nachkriegs-Frankfurt. Wir erleben das Werden eines Schriftstellers. Das Suchen. Das Ringen. Den Schreibprozess. Ziemlich genial, wie der Autor Jakob Stein das alles in Romanform bündelt. Die raffinierte Erzählung folgt den realen Geschehnissen, baut Akten und Vernehmungsprotokolle ein, hat einen wachen Blick für gesellschaftliche und politische Verhältnisse, setzt die Verbrechen der Kleinen und der Großen in Bezug. In einer fröstelnd machenden Parallelmontage erleben wir, wie »der Staat« mit den Verbrechen der »Jäger-Bande« und denen der IG Farben umgeht. Was ist der Überfall auf eine Rentenauszahlungsstelle gegen Verkauf und Vertrieb von Zyklon B? – Nun, auf jeden Fall strafwürdiger.

Zu den Kabinettstücken des souverän erzählten Romans gehört, wie Henry auf Dostojewskis Spuren in der Spielbank von Bad Homburg und Wiesbaden recherchiert. »Er schillert wieder«, entschuldigt ihn Horst beim dicken Willi im Casino Eich. Eigentlich müsste der angehende Schriftsteller sich mal wieder im Viertel zeigen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Der aber ist mehr und mehr in seiner eigenen Welt unterwegs. Mit seinen Gedanken. Mit seinen Notizen. Mit seinen Schreibversuchen. In literarisch intensiven Passagen beobachtet er die anderen Spieler in der Spielbank, durchlebt Höhen und Tiefen, versetzt sich in die Erzählperspektive eines Croupiers – und ertappt sich dabei, wie er anfängt, einen Überfall zu planen.

Nun, die Jäger-Bande wird geschnappt. Das alles ist Geschichte. Im Gefängnis wird Heinz endgültig zu Henry. Schreibt seinen ersten Roman. Auf Toilettenpapier. Als »Die Festung« 1962 im Verlag Kurt Desch erscheint, ist er endgültig zu Henry Jaeger geworden – das liest sich weltläufiger als sein Name aus Bornheim. Die Kritik bescheinigt ihm »kitschfreien Realismus«, der Roman wird in 17 Sprachen übersetzt, wird verfilmt. Aber lesen Sie selbst.

Und lesen Sie gerne den Sommer über alles von Henry Jaeger, wessen Sie habhaft werden können. Und lesen Sie auch die sehr besonderen Frankfurt-Krimis von Jakob Stein. Es sind mittlerweile acht Kriminalromane, wobei Stein einen davon, dies ein Novum für das Genre, zweimal geschrieben hat: »Doppelmord« und »Doppelmord à la carte«, eine Kriminalgeschichte aus der Frankfurter Kleinmarkthalle. Die Figur Martin Schwaner entwickelt sich in den Romanen immer weiter, ohne dass sie der Reihe nach gelesen werden müssten. Angelehnt an die früheren »Konzeptalben« in der Musikszene versteht Stein seine Kriminalromane als so etwas wie eine »Konzeptreihe«. Der Kommissar Schwaner wandelt sich darin von einem routinierten Ermittler zu einer fragilen Lehrkraft an einer Polizeischule – was vielfältige Möglichkeiten eröffnet, das Genre neu zu deklinieren. Ausführliche Besprechung folgt im nächsten »Strandgut«.

Alf Mayer
Jakob Stein: Schuld und Unschuld. Die Wandlung des Henry Jäger. B 3 Verlag, Frankfurt 2026. 388 S., Hardcover, 28 €.
Siehe auch:
Jakob Stein: Der Gröschaz. Ein biografischer Roman über Henry Jaeger, den größten Schriftsteller aller Zeiten (2019)
Henry Jaeger: Die Festung
Henry Jaeger: Das Freudenhaus
Henry Jaeger: Jakob auf der Leiter
Henry Jaeger: Der Club
Sowie die Schwaner-Kriminalromane von Jakob Stein: Doppelmord 2.0/Punkt, Linie, Mord!/11001 … Mord?/Flucht in den Tod/Geschlossene Gesellschaft/Tödliche Tropfen/Um jeden Preis/Doppelmord à la carte.

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