Aber nicht nur im Haus des Geldes, in Frankfurt, darf man sie so nicht nennen, weiß Oliver Bottini in seinem Cum-Ex-Thriller »Die Summe aller Dinge«
Dieses Buch hat Frankfurt sich verdient. Es ist nicht der erste Kriminalroman, der die schwindelerregenden Cum-Ex-Betrugsgeschäfte zum Thema nimmt, so virtuos aber und sinnstiftend hat das noch niemand erzählt. Mit seinem Roman »Die Summe aller Dinge« ist Oliver Bottini nun endgültig angekommen in der Stadt, in der er seit einigen Jahren lebt. Ein schönes Bild ist es nicht, das er von Frankfurt zeichnet, wie könnte es? Die Drogenszene im Bahnhofsviertel gehört ebenso dazu wie die Unantastbarkeit der Finanzwelt. »In Frankfurt sind die Banken heilig«, lässt er die Oberstaatsanwältin Esther Molien schon bei ihrem ersten Auftritt konstatieren.
Der Roman ist all denen gewidmet, »die nicht aufgeben«. Es folgt ein Satz von Brecht: »Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.« Bis heute wird nicht klar benannt, womit wir (und unser aller Gemeinleben) es bei global mindestens 150 Milliarden Euro Schaden durch Cum-Ex- und Cum-Cum-Ex-Geschäfte zu tun haben. Bei Sozialbetrug schreit nicht nur die Zeitung mit den großen Buchstaben auf und verschieben sich Wählerstimmen, Steuerhinterziehung hingegen gilt immer noch als Kavaliersdelikt. Nicht als asozial-kriminelle Tat.
Die letzte offizielle Zahl stammt vom März 2026: »Allein die Cum-Ex-Steuerbetrüge haben in der Bundesrepublik Deutschland einen geschätzten Schaden von 10 bis 12 Milliarden Euro verursacht«, ließ der hessische Finanzminister mitteilen. Nun, zusammen mit den Cum-Cum-Ex-Schweinereien wird der von Banken, Finanz-»Investoren« und Spekulanten eingefahrene Steuerbetrug alleine für Deutschland von Fachleuten auf 36 bis 70 Milliarden Euro beziffert. Richterlich angeordnet und rechtskräftig für eine Rückholung sind davon bisher laut hessischem Finanzministerium: »insgesamt knapp 25 Millionen Euro«, weniger als ein Tausendstel. Anklagen erhoben, bisher: gegen 20 Personen, Urteile gesprochen: gegen 12 Personen (»allesamt Haftstrafen zwischen einem Jahr und zwei Monaten und 8 Jahren und 3 Monaten«, so das Ministerium). Ladendiebstahl wird unvergleichlich härter bestraft.
Bottini nimmt uns mit hinein in die Führungsetagen der Geldvermehrung und der Gier und mit zu den Terminen der ministeriellen Behinderung von Aufklärung und Sanktion. Ein ausdrücklicher Dank im Nachwort gilt der ehemaligen Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker, »deren Leistung im Hinblick auf die strafrechtliche Verfolgung der Cum-Ex-Geschäfte man nicht genügend würdigen kann«, so der Autor. Im April 2024 beantragte sie wegen ihrer Zweifel am politischen Willen zur Aufklärung dieses Steuerskandals die Entlassung aus dem Beamtenverhältnis, ist seitdem Vorständin der Bürgerbewegung »Finanzwende«. (Auf deren Internetseite wird Ihnen auch gerne knapp und bündig erklärt, was es mit Cum-Ex und Cum-Cum-Ex-»Geschäften« auf sich hat: www.finanzwende.de)
Oder Sie lesen Oliver Bottini. Fern vom Thesenhaften packt er das gigantische Finanzverbrechen in ein charakterbetontes Personendrama mit einer Handvoll Handlungsfäden, intelligent und wirkungsvoll verknüpft, tiefschichtig recherchiert, global und schnell, teils gar im Eilzugtempo eines Thrillers erzählt. Das notwendige Finanzwissen baut er wie nebenbei ins Geschehen ein, der Maxime folgend: »Show, don’t tell.«
»Der Bankenstandort Frankfurt!
Hessens internationales Ansehen!
Die Wettbewerbsfähigkeit!
Die Gefahr von Pleiten…!«
Oder so ähnlich heißen die wohlbekannten Beschwichtigungsformeln, denen (nicht nur) im Roman der Aufklärungswille begegnet. »Hunderte respektable Mitglieder der Finanzbranche würden stürzen, falls er ein Geständnis ablegt, ihr Leben und ihrer Familien wäre zerstört, falls die Gerichte sie verurteilen, Banken, Kanzleien, Firmen stünden am Abgrund. Irgendjemand will das um jeden Preis verhindern …«, sinniert ein flüchtiger Banker.
Bei Oliver Bottini sind es nicht nur Auftragskiller und Camorra-Gangster, die behindern und vertuschen. Es sind auch ängstliche Behördenleiter oder in einer bravourösen Büroszene ein per Telefon dazugeschalteter Minister, der wegen eines wankelmütigen Kronzeugen die Reißleine ziehen will. Als die Staatsanwältin vorschlägt, die stockenden internationalen Ermittlungen um gewerbsmäßigen Bandenbetrug zu erweitert, heißt es aus dem Telefon: »Wie bitte?« und »Als wären diese Leute …« Worauf die Staatsanwältin ergänzt: »Kriminelle? Das sind sie, Herr Minister. Organisierte Kriminelle, Herr Minister.«
Flugs geht es ins Persönliche, welche privaten oder gar feministischen Gefühle und Gründe die Staatsanwältin bei diesem hoffnungslosen Fall denn wohl habe. Vier Wochen Zeit kann sie am Ende herausschinden, sofern der neue Ministerpräsident sich nicht einmischt. Der hat lange in einer internationalen Wirtschaftskanzlei gearbeitet. Wir sind auf Seite 64 …
Auf dem Weg zu einem konspirativen Treffen mit ihrem Kronzeugen fällt der Staatsanwältin auf, was heimliche Treffpunkte über das grundsätzliche Wesen eines Falls aussagen. »Anders als Tötungsdelikte oder Drogenkriminalität versteckt Cum-Ex sich nicht in der Dunkelheit, in übel riechenden, heruntergekommenen Spelunken, sondern in der Öffentlichkeit, sei es auf Brachen oder Brücken oder hinter den blank geputzten Fassaden von Bankentürmen, zu denen der gemeine Mensch respektvoll aufschaut. Es verbirgt sich hinter famosen Zahlen, die Wohlstand für das Land zu bedeuten scheinen. Hinter beeindruckenden Finanzkonstruktionen, deren einzelne Bestandteile legal sind. Und natürlich hinter dem scheinheiligen Lächeln von Familienvätern und leeren Worten von Ministern und Politikern. Cum-Ex geschieht im Zentrum der Gesellschaft, nicht an deren Rändern. Und zerstört das Zentrum, nicht die Ränder.«
Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind keineswegs zufällig in Oliver Bottinis zehntem Roman. Wie immer hat er gründlich recherchiert und sich seit seinem letzten Buch (»Einmal noch sterben«, 2022) beinahe vier Jahre Zeit gelassen. Der Sticker auf dem aktuellen Cover ist ziemlich einzigartig: »Sechsfacher Preisträger Deutscher Krimipreis«. Unter den deutschen Kriminalautoren der Gegenwart ist er einer der Politischsten. Schon sein Debüt, »Mord im Zeichen des Zen«, an Silvester 2003 erschienen, wurde im Deutschlandfunk von Kolja Mensing als »Ausnahmekrimi« apostrophiert. Kriegsverbrechen auf dem Balkan, deutsche Rüstungsgeschäfte in Afrika, rechter Terror im deutschen Untergrund, angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak, Landgrabbing in Osteuropa waren bei Bottini schon große Themen. Sein neues Buch ist im Frühjahr 2018 in Frankfurt, Königstein, Capri und Süditalien, Benidorm und Gibraltar, London, New York und Sardinien angesiedelt.
Gegenüber der Realität ist die Zeitachse nur leicht verschoben. Im Mai 2018 hätte die im Roman ermittelnde Frankfurter Staatsanwältin mit der dann 948 Seiten umfassenden Anklageschrift mehr als genug zu tun gehabt, mit der die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main – Eingreifreserve – am 22. Mai 2018 die bundesweit erste Anklage wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Wertpapiergeschäften um den Dividendenstichtag (so genannte Cum-/Ex-Geschäfte) erhob. Und die Bankgesellschaft Rhein-Main, die BRM, ist Ihnen vermutlich als Helaba geläufiger … Auch sie war in die hochspekulativen Finanzgeschäfte verwickelt, ihre Schadensersatzklage über rund 56 Millionen Euro gegen die beteiligte Partnerbank Société Générale wurde abgewiesen, womit Hessen auf dem Steuerschaden und den damit verbundenen Zinsforderungen sitzen blieb.
