Fritz Rémond: In »Himmlische Zeiten« geht es mit schrägem Ernst dem Ende entgegen

AEs war um 2010, da haben sich vier höchst unterschiedliche deutsche Frauen auf dem New Yorker Airport getroffen, um – Delay sei Dank – schon bald eine große Gemeinsamkeit zu entdecken: die Wechseljahre. »Heiße Zeiten« (Text: Tilman von Blomberg, Musik: Carsten Gerlitz) brechen aus und das Quartett aus Karrieristin, Hausfrau, Vornehmer und Junger mit Kinderwunsch rockt fortan mit umgetexteten Hits der 70er und fetzigen Dialogen die Bühnen der Republik – bis heute etwa im Velvets-Theater in Wiesbaden.

Weil auch das Follow-up »Höchste Zeit« erfolgreich war, haben von Blomberg/Gerlitz auch noch »Himmlische Zeiten« aufgelegt, das nach dem Motto »Aller guten Dinge sind drei« als Wanderproduktion nun im Frankfurter Zootheater gastiert. In einer grellgrüngelb und glatt gehaltenen Privatklinik gehen die nun doch fortgeschrittenen vier Beste Freundinnen die wachsenden Peinlichkeiten des Alterns an – eine noch im Schlussbogen und mindestens zwei schon auf der Zielgerade des Lebens. Die Karrierefrau (Franziska Becker) will mit radikalem Crossover-Lifting ihren Ruf als »Walküre der Wallstreet« wahren, die Vornehme (Heike Jonca) leidet unter Alzheimer, die noch Etwas-Jüngere (Laura Leyh) bekommt ein Mädchen und die brave Hausfrau (Iris Schumacher), die ihre Falten erfolgreich mit Essen bekämpft, segnet in der 20minütigen Pause via Herzinfarkt tatsächlich das Zeitige. Aller guten Dinge sind dann trotzdem nicht Drei. Barfuß mit Namenszettel am Zeh bleibt die Erkaltete auf Temperatur und tanzt und singt weiter als Geist.

Und obwohl es bisweilen wirklich todernst wird vor Toresschluss und man sich fragt, ob das gut gehen kann, lässt sich unter der Regie von Katja Wolff die gute Laune nicht unterkriegen. Schmissige Dialoge, bisweilen skurrile Texte vertrauter Vorzeitensongs bügeln im wilden und doch etwas willkürlichen Themenstrauß der Post-Best-Ager locker auch die wohl einzige Schwachstelle weg, wenn ausgerechnet die bald Versterbende mit »Es reicht nicht hier, es reicht nicht da« über Altersarmut klagt. Funiculì, Funiculà war es nicht. Umso zündender lässt Sam Cooks Reggae-Hit »Don‘t Know Much« den Altersfluch der Technik entflammen, oder zu Arlo Guthries »City of New Orleans« spöttisch fragen, warum die alten Männer alle Khaki tragen. Klasse und wie den besten Fernsehshows Rudi Carrells abgeguckt sind Andrea Danae Kingstons Choreografien.

Ein hochprofessionell präsentiertes Musiktheater mit vier quicklebendigen Schauspielerinnen, die unter immer wieder aufbrausendem Applaus auf Augenhöhe agieren, beschert einem altersgerecht besetzten Publikum zeitnah »Himmlische Zeiten«. Und dem Fritz Rémond ein volles Haus. Nicht für alle empfohlen, aber für mehr als man denkt.

gt (Foto: © Martin Sigmund)

Bis 19. Mai: Di.–Sa., 20 Uhr; So., 18 Uhr

www.fritzremond.de

 

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