Junges Museum Frankfurt: Der Alltag für Frankfurter Kinder im NS-Staat

Das Junge Museum Frankfurt hat sich zur Aufgabe gemacht, den Großausstellungskomplex »Frankfurt und der NS« unter dem Motto »Nachgefragt« aus der Perspektive des Alltags für Kinder und Jugendliche zu beleuchten. Keine einfache Sache, nicht nur für Kuratoren und Lehrer. Viel mehr noch für Eltern und Ältere, die sich entschließen, mit (ihren) Kindern den etwas versteckt liegenden Komplex im Historischen Museum Frankfurt zu besuchen.
Die Ausstellungsmacher haben dazu einen 48 Seiten umfassenden Leitfaden entwickelt, den man sich über die Homepage des Jungen Museums herunterladen kann, aber auch im Museum erhält. Er führt damit ein, dass sich Eltern schon vorab über ihre eigenen Motive im Klaren sein sollten. Und sich Fragen stellen wie: Warum möchte ich mit Kindern über die NS-Zeit sprechen? Wie spreche ich mit ihnen darüber? Schritt für Schritt, auch durch die Ausstellung, geht der Leitfaden dann die dargebotenen Themen und Komplexe an, informiert, nennt Orte und erklärt Begriffe. Wartet aber auch – durch ein rotes Handsymbol gekennzeichnet – mit konkreten Fragen, Spielanleitungen und interaktiven Aufgaben auf.
Im zweiten Stock des HMF findet sich der für Kinder ab zehn Jahren konzipierte Parcours, auf dem sich die Lebenswelten für Kinder in der NS-Zeit öffnen. Dazu gehören das Spielen, die Familie, die Schule, die Freizeit in Sportvereinen und in Jugendorganisationen, aber auch das Leben von Kindern im Krieg. Für den Zugang zu den einzelnen Themen sorgen Sprechblasen, Tafeln, Fotografien, Bücher, kleine Filme und Audiobeiträge, die sich wesentlich, aber nicht nur, auf niedergeschriebene oder auch aufgezeichnete Erinnerungen stützen. Eindrucksvoll sind die lebensgroßen mit Namen gekennzeichneten Standfiguren von Kindern in jedem der Bereiche. Wie Klaus, der vom Lehrer Ungeheuer auf der Westendschule erzählt, der nach der Machtübernahme immerzu »Heil Hitler!« grüßte und von den meisten Kollegen anfangs mit einem freundlichen »Guten Tag, Herr Ungeheuer« beschieden wurde. Allerdings nicht lange. Ruth dagegen, eine mit ihren Eltern in die USA ausgewanderte Jüdin, weiß noch sehr genau, wie ihre Spielfreundinnen aus der Holzhausenschule auf einmal die Straßenseite wechselten, wenn sie sie kommen sahen.
Zu erfahren ist auch, was sich die Nazis unter einer deutschen Familie vorstellten und mit welchem Spielen, Büchern und Themen Mädchen zu künftigen Hausfrauen und Müttern zu erziehen waren. Und Jungs zu harten, gehorsamen Soldaten. Informiert wird über den Drill in Sportvereinen und Organisationen wie die des nationalsozialistischen BDM. Und wir hören und lesen immer wieder, wie es für die war, denen das Mitmachen verboten war oder sich dem verweigerten. Im Komplex Freizeit kommt auch Emil in einem Video zu Wort, der davon erzählt, wie eine Gruppe HJ-Jugendlicher sein Elternhaus aufsuchte und im Chor rief »Mangelsdorff, warum kommst du nicht zum Dienst!«. Tatsächlich, es ist der eben im Alter von 96 Jahre verstorbene Frankfurter Jazzmusiker, der hier noch von seiner Jugend in Frankfurt und davon erzählt, wie es ihm damit erging, dass er amerikanische Jazzmusik mochte.

Winnie Geipert (Foto: © Uwe Dettmar)

Bis 23. April 2023: Di., Do., Fr., 10–18 Uhr; Mi., 10–21 Uhr; Sa., So., 11–19 Uhr
www.junges-museum-frankfurt.de

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