KI-Zauberei – »AI-Worlding« – Experimente mit Kunst und KI im Museum Angewandte Kunst

»… Walle! walle/Manche Strecke,/Daß zum Zwecke/Wasser fließe,
Und mit reichem, vollem Schwalle/Zu dem Bade sich ergieße! …
Und nun komm, du alter Besen!/Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;/Nun erfülle meinen Willen! …«

Erinnern Sie sich? Das ist von Goethe, Der Zauberlehrling. Hatten die meisten von uns in der Schule und musste auswendig gelernt werden, was lästig war. Aber jetzt hat es doch noch seinen Sinn: Goethes Story von dem Gehilfen, der sich überheblich fühlt und die Kräfte, die er lostritt weder überblickt noch auch nur im Ansatz unter Kontrolle hat. Passt lupenrein zum Status quo der Begeisterung für die sogenannten Künstliche Intelligenz.
Im Museum Angewandte Kunst läuft aktuell eine spannende Ausstellung mit genau den passenden Fragen: Was ist diese »Zauberei« namens KI überhaupt, was kann sie, was bringt sie, kann sie Kunst, kommt sie an die Fähigkeit des Menschen heran oder unterliegt sie, kann sie überhaupt kreativ sein, oder nicht? Wenn ja, woher und wie?
Zu sehen sind künstlerische Werke, die aus der Untersuchung von KI-basierte Worldings entstanden sind. Wobei Worlding hier aus der Fachsprache heraus der Begriff dafür ist, das Computersysteme aus zugeführten Daten eine »Welt« bilden. Diese Informationen aus externer Quelle kombinieren sich mittels einprogrammierter Prozesse und erzeugen dann ein selbstreferenzielles Miniuniversum, was wiederum Ergebnis aber auch neue Quelle der sich wiederholenden Prozesse ist. Eine – dieser spezifischen KI eigene – Welt und Sicht produziert sich. Klingt kompliziert aber wird in der Ausstellung klar und sichtbar, die die Kunst und den künstlerischen Prozess als Anlass für die Werke präsentiert (nicht etwa technische oder industrielle Prozesse).
Ein Beispiel, was es besser verstehen lässt ist die Arbeit »Free Writing« von Mattis Kuhn. Der Künstler hat sein KI-System mit literarischen Textausschnitten relevanter Literaten gefüttert. Die Vorgabe des Stils, den die KI verwenden sollte, um nun »eigene« Texte zu kreieren, basierte auf dem Schreibstil des Künstlers selbst, und wurde dem Computersystem mittels 200 kleiner Texte, Schnellschreibübungen Kuhns zugefüttert. Ergebnis sind tausende kleine Textchen, philosophisch-literarisch anmutend im Ausdruck, dabei Schreibfehler-behafteter Non-Sense. Zu Teilen aber auch echt philosophisch und voller Weisheit – es ist ein bisschen so, wie wenn man feststellt, dass eine stehengeblieben Armbanduhr zweimal am Tag aber doch die richtige Uhrzeit anzeigt. Ist das nachvollziehbar?
Die künstlichen/künstlerischen Texte, die auf Postkarten gedruckt in der Ausstellung aushängen, dürfen von den Besucher*innen als analoge Erinnerung mitgenommen werden, was Teil des künstlerischen Prozesses ist und den Besuch zu Re-Analogisierung nutzt.
Diverse weitere zeitgenössische Positionen sind zu sehen: Generierte Bilder, Malereien, Videoarbeiten, immersive Räume, interaktive Sound- und Rauminstallationen. Allen gemeinsam ist neben der Untersuchung und Verwendung einer KI, die Einladung der Beschäftigung mit diesen fremden, computerbasierten Welten und der Frage nach dem eigenen Verhältnis zu Technologie und deren Auswirkung auf uns und unserer Gesellschaft.
Goethe hat sich seine Meinung schon frühzeitig dazu gebildet.

»… Stehe! stehe!/Denn wir haben/Deiner Gaben/Vollgemessen! –/Ach, ich merk’ es!
Wehe! wehe!/Hab’ ich doch das Wort vergessen!/Ach, das Wort, worauf am Ende/Er das wird, was er gewesen. …«

Ja, es gäbe da schon Ideen zum Abschalten, die kann man hier aber unmöglich schreiben, da dieser Artikel ja digital verarbeitet wird und auch online erscheint und die KI ja dann alles wüsste und verhindern könnte. Und aussprechen kann man es auch nicht, da hier überall Handys rumliegen, die laut Kaufvertrag mithören dürfen.
Der analoge Besuch von AI-Worlding sei entsprechend dringend angeraten, Sie werden eine Ahnung davon bekommen, was überhaupt los ist da draußen – in der digitalen, künstlichen Welt, die längst in Ihr Wohnzimmer, nein, in Ihre Intimsphäre, auch falsch, richtig: in Ihr Unterbewusstsein kragt und ihr Denken verändert. Sie merken es nur noch nicht – nach Besuch der Ausstellung aber vielleicht?
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit u.a. dem saasfee*Pavillon und dem Lehrgebiet Elektronische Medien der HfG Offenbach. Sie läuft bis 26. April, öffentliche Führung sei empfohlen, jeden Sonntag um 15 Uhr gibt es eine.

Laura J Gerlach / Foto: Mattis Kuhn: Free Writing Takeaway, © Günzel/Rademacher
Bis 26. April: Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., 10–20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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