Landungsbrücken Frankfurt: »20.21 KANE.innen: DAS FESTIVAL« vom 2.–13. Februar 2022

So what? Dann gibt eben ein unrundes Jubiläum den Anlass zum Sarah-Kane-Festival, der 51. statt des geplanten 50. Geburtstags, den die britische Autorin am 3. Februar hätte begehen können, wenn sie noch lebte. Keine zwei Meinungen gibt es darüber, dass Kane Meilensteine setzte mit ihrem radikalen Verständnis von Theater. Keine zwei Meinungen aber auch, was für ein Wurf den Landungsbrücken schon mit der Idee gelungen ist, ihr gesamtes Oeuvre in einem Aufwasch auf die Bühne zu bringen. Das hat zumindest in Deutschland noch niemand gewagt. Was schon komisch ist. Oder eben Kane. Zwölf Tage lang «in yer face«, voll auf die Zwölf.
Nun kommt dem Festival im offsten Off der Frankfurter Szene sogar zugute, dass es nicht wie zunächst geplant stattfinden konnte. Und das nicht nur, weil alle fünf Kane-Stücke nebst dem von Hannah Schassner, Antigone Akgün und Léa Zehaf verfassten Werke-Szenario »In Her Face oder: Die Autorin ist tot« in jeweils anderer Regiehandschrift, ihre Feuerproben längst mit Bravour bestanden haben. (Über drei davon haben wir hier berichtet, zwei weitere werden nebenstehend und auf Seite 20 besprochen.) Hinzu kommt eben auch, dass nach einem Jahr »Doing Kane« der Festival-Bogen noch weit weiter gespannt und noch viel dichter bestückt werden kann als sich das Landungsbrücken-Team noch vor Jahresfrist hätte erträumen können. Linus Koenig & Co gelang es nun sogar, den elfminütigen Kurzfilm »Skin« zu ergattern, für den Sarah Kane das Drehbuch schrieb. Er wird am 10. Februar um16 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs Vincent O’Connell im Filmmuseum zu sehen und auch zu diskutieren sein (siehe Kasten).
Eine zwölftägige Kane-Fahrt in die Diaspora des »In Yer Face«-Theaters legt in den Landungsbrücken ab, wobei das Ruder von Station zu Station und teils mehrmals täglich von anderen übernommen, und immer mal wieder herumgerissen wird. Überraschungen nicht ausgeschlossen. So steht nach der versprochen kurzrednerischen – da ist man Sarah Kane verpflichtet – Eröffnung die Vernissage einer Ausstellung titels »Dilated Stories« an. Zwölf hessische Künstler*innen geben mit ihren Arbeiten Einblick in ihre Lebenswelt, den künstlerischen Alltag im systemischen Verwertungszusammenhang und die Versuche, sich diesem zu verweigern. Die Realisierbarkeit radikaler Lebensentwürfe wird dann Thema eines Podiums unter Leitung der FAZ-Redakteurin Eva-Maria Magel sein, an der neben den beiden Kuratorinnen der Schau, Catharina Szonn und Lisa Peil, auch die Autorin Nicole Seifert und Nikola Schellmann mit Bezug auf die Kane-Stücke diskutieren.
An Sarah Kanes Geburtstag nimmt mit ihrem ersten Stück »Zerbombt« auch die Bühne Fahrt auf. Linus Koenig und Felix Bieske haben die »Handgranate auf die Metaebene« produziert und versprechen mit ihrem Popkulturpotpourri, »alle liebgewonnenen Erwartungen an einen anständigen Theaterabend« zu zerstören – als ultimative Liebeserklärung ans Theater, versteht sich.
Wer sich in Kane begibt, muss indes nicht darin umkommen. Dafür sorgt ein wohlbedachtes Rahmenprogramm. An allen Theatertagen gibt es jeweils eine Dreiviertelstunde vor Beginn eine Audio-Einführung in der Audiobox im Festivalzentrum, die aber auch als Text ausliegt oder gar vorab digital abgerufen werden kann. Besprochen und verfasst von der Sarah-Kane-Expertin Zazie Rothfuchs. Überdies folgt im jeweiligen Anschluss an die Vorstellungen unter der schönen Fragestellung »Was nimmst du mit und was lässt du hier?« ein zeitlimitiertes 35-minütiges »Nachtgespräch«, das ganz nach Gusto vor Ort verlängert werden kann. Das Festival ist in jeder Hinsicht offen. Alles Weitere findet sich über die Homepage.

Winnie Geipert (Foto: Das Festival-Team, © Niko Neacuwirth)

www.landungsbruecken.org
www.2021kane-innen.de

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