Sarah-Kane-Festival in den Landungsbrücken: Mädchentheater um »Phaidras Liebe«

Warum nur? Herztöne beherrschen den Klangraum, eine weiße Leinwand die Spielfläche. Schattenspiele dahinter signalisieren die Lebenswelt Hippolytos, des gelangweilten Sohn des Königs Theseus und damit Stiefsohn Phaidras, ganz in bräutlichem Weiß. Es ist wohl deren Herz, das so laut für ihn, ihren Stiefsohn, schlägt, den sie begehrt, und der nichts von ihr wissen will. Die Einwände ihrer feministisch gezeichneten Tochter Strophe (in schwarz) nützen nichts, sie ist diesem Mann verfallen, wie alle anderen offensichtlich auch. Dass er selbst auch darunter leidet, beweist der von ihm eingeforderte Arztbesuch. Doch helfen, so das Ergebnis, könne er nur sich selbst.
Emotionale und sexuelle Abhängigkeit spielen eine vorherrschende Rolle, auch Weisheiten aus psychologischer Fachliteratur kommen zur Sprache zwischen Hippolytos (Ole Bechtold), und dem ihn behandelnden Arzt (Florian Stamm). Léa Zehaf als Strophe hat wohl die psychologisch schwierigste Rolle und bewältigt sie glänzend. Die sexuelle Ausstrahlung des Königssohns – nicht sein Äußeres! – scheint so überwältigend sein, dass selbst der Priester (Andreas Giesser) ihm verfällt, nicht immer nachvollziehbar für die Zuschauerin. Doch Sarah Kane muss es sehr beschäftigt haben.
Warum nur verfällt die wunderbare und starke Königin Phaidra (Daniela Fonda, würdevoll noch in der erlebten Erniedrigung). Diesem – nun ja – schönen aber eiskaltem Schnösel-Stiefsohn? … Der von der Autorin nicht ohne Grund aufgegriffene unerklärbare Ausgangspunkt der Tragödie – bei Euripides ist wenigstens der Zauber der Göttin Aphrodite verantwortlich – bleibt die menschliche Gier. Und im Gegensatz zur griechischen Tragödie bleiben keine »unschuldig schuldig« Gewordenen, für die »Furcht und Mitleid« empfunden werden könnte. Sondern nur Entsetzen, Vergewaltigung, Kannibalismus, Grausamkeit, auch wenn sie »nur« als gelesene Prosa daherkommen. Ausgerechnet »mädchen*theater« unter der Regie von Meike Hedderich vermittelt diese Botschaft. »Hätte es doch nur mehr Momente wie diesen gegeben« spricht Hippolytos im Sterben. Nicht unbedingt für ihn, aber für die theatralische Qualität mag das stimmen!

Katrin Swoboda (Foto: © Niko Neuwith)

Termine: 4. Februar, 20 Uhr
www.landungsbruecken.org
www.2021kane-innen.de

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