Museumcircle im MMK Zollamt

Der Komponist John Cage, Meister der unhierarchisierten Klangwelten und experimenteller Tonfolgen, der Radiergummis und Nägel an Klaviersaiten montierte und Küchenutensilien als Instrumente einsetzte, hatte im Jahr 1991 eine ziemlich amüsante Idee: Nehmen wir einfach aus jedem Museum einer Stadt Exponate und Objekte und versammeln sie in nur einem Museumsraum, auf dass sie dann etwas über die Stadt, die Welt, den Globus erzählen mögen, und da es hierfür sowieso keine Deutungshoheit gibt, überlassen wir die Deutungshoheit dem Zufallsprinzip, dem anarchischsten aller Prinzipien. Da mag dann das scheinbar Banale neben dem weltbekannten Gemälde hängen und die antike Statue neben dem Dreschflegel stehen. Oder wie hier in diesem Fall des Zollamts: die Apfelweinpresse neben der Haarlocke von Goethe und ein gemalter Brief von Hindemith unter dem schwarzen Anzug von Niko Kovac, den er beim Pokalfinalsieg von Eintracht Frankfurt gegen Bayern München in Berlin im Jahr 2018 trug. Alles Zufall.
Als weltweit erst drittes Museum folgt das MMK dieser Idee einer der einflussreichsten und wichtigsten Komponisten der Neuen Musik. Es ist schon erstaunlich, dass bisher noch kaum eine Stadt sich auf dieses doch ziemlich verschmitzte – und auch politische – Experiment einließ. Hat es etwas damit zu tun, dass sich Museen überall auf der Welt natürlich ganz furchtbar viele Gedanken darüber machen, wie sie etwas wo und wann präsentieren, welche Wandfarbe zu den Gemälden passt, welche Vitrinen auszuwählen sind und welche Podeste, aus Holz, aus Stein? Wie das Licht gewählt sein sollte und natürlich auch die Reihenfolge, in der die Objekte präsentiert werden? Damit entsteht der gelenkte Blick, damit entsteht eine geplante Ordnung, werden Zusammenhänge erzeugt, Exponate kontextualisiert. Diese Gedankenarbeit jetzt einfach einem Zufallsroboter zu überlassen wie bei einer Fernsehshow mit Publikum, das sprengt so ein bisschen die Überzeugung der Kunstwelt, dass es natürlich Kuratoren im Museum braucht und Dramaturgen am Theater.
Für die 40 in Frankfurt beteiligten Museen könnte es aber auch ein Vergnügen gewesen sein, an diesem mild anarchistischen Experiment teilzunehmen: sie erstellten Listen mit jeweils zehn Exponaten, die es vertreten sollten, und aus dieser bestimmte dann das Los das Objekt. Auch wie die Exponate im Raum präsentiert werden, entschied die Lostrommel – alles völlig enthierarchisiert. Weder Epochen noch Stil noch Material spielen eine wertende Rolle, erhebt sich das eine über dem anderen. Dadurch entsteht eine verspielte Leichtigkeit oder ein »ästhetischer Eigensinn« wie Kurator Mario Kramer sagt. Erklärende Beschriftungsschilder wird man vergeblich suchen.
Der Kurator hat den Bezug zu Frankfurt schnell bei der Hand. 1991 wurde das Museum für Moderne Kunst eingeweiht, und so könnte John Cages »Museumcircle« im Jahr 2021, dessen Oper »Europeras« an der Frankfurter Oper uraufgeführt wurden und der also in enger Beziehung zur Stadt stand, eine Art kleine Jubiläumsverbeugung zum 30. Geburtstag sein? Zumal die Struktur von »Europeras« an diese nun zu sehende Ausstellung erinnert.
Wenn man jetzt einmal so denkt wie John Cage, was kommt dabei heraus? Ergeben die Objekte weniger Sinn, wenn sie ihrer Umgebung beraubt wurden? Wenn der Kopf eines jungen Athleten nicht im Liebieghaus steht und der Höchster Tafelaufsatz nicht im Porzellanmuseum? Die Wirkung zumindest im Zollamt ist die gegenteilige: diese Vorgehensweise verstärkt die Einzigartigkeit des jeweiligen Exponats. Das eine fürchtet nicht die Konkurrenz des anderen, und dieses Element der Überraschung, das Unterlaufen der Erwartungen des Betrachters erweckt mühelos eine höhere Aufmerksamkeit für das Einzelne. Das Filmmuseum steuert ein Zigarettenetui bei, das Charlie Chaplin Lilian Harvey schenkte, im Filmmuseum geht dieser filigrane Gegenstand fast unbemerkt unter.
Und dies alles mit einem amüsanten wie bereichernden Nebeneffekt: wer weiß schon, dass es in Frankfurt das Heimatmuseum Zeilsheim gibt oder das Feuerwehrmuseum? Das Deutsche Orthopädische Geschichts-und Forschungsmuseum? Die Kriminaltechnische Lehrmittelsammlung? Der wir Charly verdanken, die ausgestopfte Brieftaube, die im damals noch lebenden Zustand half, dem so genannten »Thomy«-Erpresser Erpresser auf die Spur zu kommen? All diese Geschichten, die zu jedem einzelnen Exponat mitgeliefert werden, erzählen Frankfurter und auch Weltgeschichten wie beispielsweise die Falkeisenbibel aus dem 17. Jahrhundert, die von der Frankfurter Druckerei Christoph Balthasar Wust hergestellt wurde.
Und so streift man durch das wohnlich ausgestattete Zollamt (die Pflanzeninseln und der kleine Handapparat gehören zu den Vorgaben für den mit Shakerstühlen und -tischen ausgestatteten Museumsraum, die John Cage damals verfügte) und entdeckt wieder oder sieht zum ersten Mal.
Dieses Zufallsprinzip steht dann aber doch auf durchaus durchkomponierten Füßen: Ausgehend vom I Ging, dem altchinesischen Buch der Wandlungen, entwickelte John Cage zusammen mit dem Komponisten Andrew Culver im Jahr 1971 den Random Generator, den Zufallsgenerator. Auch Anarchie will eben gut bedacht sein.

Susanne Asal (Foto: Ausstellungsansicht, © Axel Schneider)

MMK Zollamt, Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., 10–20 Uhr, bis 20.3.2022
www.mmk.art

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