Schauspiel Frankfurt: Laura Linnenbaum besetzt »Die Brüder Karamasow« mit Frauen

Es ist nicht der erste Elefant, der auf der größten Schauspielbühne Deutschlands vorgeführt wird. Aber es ist der dickste, gewaltigste, umfangreichste unter den fünf metaphorisch durch das größte aller Großwilde geadelten Romanen von Fjodor Dostojewski, den Laura Linnenbaum für das Schauspiel Frankfurt inszeniert: »Die Brüder Karamasow«, sein letztes, lebenssummarisches Werk. Tatsächlich könnte man, um im Sprachbild zu bleiben, von einem Dressurakt einer Dompteurin schreiben, gilt es doch das laut Sigmund Freud gewalttätigste der Weltliteratur in den Griff zu kriegen. Auf mehr als 1.200 Seiten versetzen uns die Auseinandersetzungen von vier total unterschiedlichen Brüdern um einen Vatermord in eine krude krasse Männerwelt, die gleichwohl die großen Fragen des Lebens und Menschseins behandelt – und Frauen nur als Katalysatoren oder als Gefühlsverstärker fungieren lässt.
Genau das ist es, was Laura Linnenbaum einmal anders sehen will. Wie hört, fühlt und sieht es sich an, wenn Frauen die Existenz Gottes und den Sinn des Lebens hinterfragen? Wie klingt es, wenn all die sonst fast ausschließlich Männern vorbehaltenen Monologe zu den großen, gewichtigen Themen von Frauen gesprochen werden? In Frankfurt, wo vor ein paar Jahren Bettina Hoppe einen sensationellen Hamlet gab, ohne diesen zu verfremden, will Linnenbaum uns vorführen, dass das sehr wohl auch bei Dostojewskis »Brüder Karamasow« geht – und zwar mit ausschließlich weiblichem Personal. Dennoch werde sie das Publikum nicht mit einer Version à la den »Schwestern Karamasow«, auch wenn das tatsächlich mal der Arbeitstitel war, den man schnell wieder fallen ließ, oder gar mit komödiantischen Hosenrollen konfrontieren.
Dostojewski habe sich völlig gegen die literarische Konvention seiner Zeit die unterste verelendete Schicht des bäuerlichen Landadels mit allen seinen Verwerfungen ausgesucht, um den Zustand der patriarchalen russischen Gesellschaft zu zeichnen. »Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt«, lautet für sie ein Schlüsselsatz dieses Stücks, der zu den auch heute noch virulenten Fragen des immensen Leids in der Welt und seiner Rechtfertigung führt. Die Bühnenfassung dafür hat sie zusammen mit dem Schauspieler Wolfgang Michalek erstellt.
Acht Schauspielrinnen des Frankfurter Ensembles werden auf einer eher schlichten und düster gestalteten Bühne von Valentin Baumeister den Karamasow-Kosmos in neun Rollen zum Leuchten bringen. In Rekordzeit, wenn man so will, denn mit geplanten drei Stunden bleibt Linnenbaum weit hinter fast allen bekannten Bühnenbehandlungen des Stücks zurück. Der Regisseur Johan Simons zum Beispiel nimmt sich aktuell in Bochum sieben Stunden – kann sich das als Intendant der Bühn freilich auch erlauben.
In den Brüderrollen werden wir Lotte Schubert, Melanie Straub, Annie Nowak und Anna Kubin erleben. Weiter mit dabei sind Tanja Merlin Graf, Katharina Linder, Sarah Grunert und Christina Geiße, In welche der Figuren sie schlüpfen werden, will die noch mitten in der Produktion steckende Regisseurin allerdings noch nicht kommunizieren. Bereits fest steht, dass es mit allenfalls einer Ausnahme, keine Doppelrollen geben wird.
Für die in Süddeutschland geborene, an den großen deutsch-srachigen Bühnen längst etablierte Regisseurin ist das Debüt im Großen Schauspielhaus auch eine Rückkehr an die Stätte ihrer Berufsanfänge im Regiestudio der Saison 2015/16. Geplant war dieses Comeback schon vor zwei Jahren. Die Spannung steigt. .

Winnie Geipert / Foto: Laura Linnenbaum, © Sebastian Hoppe
Termine: 17., 22., 23., 31. Mai, 19.30 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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