Titania: Die theaterperipherie überrascht mit dem feinen Stück »Rojbas«

Nein, es ist keine Nachzüglerin. Die dunkelhaarige Frau in der schwarzen Steppjacke, die da gerade hinter sich die Eingangstür im Titania schließt, steuert direkt den kleinen Sessel in der Bühnenmitte an, setzt sich, nimmt einen Schluck aus dem Glas, das da seitlich für sie auf einem Beistelltisch steht – ein Blick noch, einmal Luft holen, und da beginnt sie auch schon zu erzählen. Von dem Tag, an dem ihr arbeitslos gewordener »Baba« endgültig seine Sprache und mit dieser seinen Bezug zur Gegenwart verliert. Und von dem, was er mit seiner erloschenen Stimme bei ihr entstehen ließ. Bilder, die sie zu riechen und schmecken vermag, und schmerzende Narben.
Deniz Özbay heißt die Darstellerin, die uns diesen knapp einstündigen Monolog mit dem Titel »Rojbas« in eigener Regie präsentiert. Verfasst hat ihn die junge Autorin Destina Yildirim nach einer eigenen Erzählung. Auch wenn es die namenlos bleibende Protagonistin nie wörtlich benennt, erschließt sich schon bald, dass die sehr anmutig und poetisch gekleidete Geschichte von gewaltsamen Verlusterfahrungen und ihrer Verarbeitung handelt. Von einer kurdischen Familie, die aus ihrer Heimat mehr gejagt als vertrieben wurde. Und von den als Narben verbleibenden Wunden über Generationen hinweg.
Damit erschließt sich auch, dass der plötzliche Sprachverlust des noch jugendlich nach Deutschland geflüchteten Baba auch widerspiegelt, dass Kurdisch zu sprechen in der Türkei lange streng verboten war und inzwischen kaum mehr anzutreffen ist. Auch bei unserer Erzählerin nicht, aus der es in den emotionalen Passagen ihrer Geschichte Türkisch herausbricht. Die Welt ihres Baba kommt der unter uns lebenden jungen Frau heute unwirklich vor. Sie speist sich ganz wesentlich aus dessen Erinnerungen an seinen Baba, ihren Großvater: ein legendärer Reiter soll er gewesen sein, ein famoser Bäcker, dessen Brote weit über ihr Dorf hinaus begehrt waren, und der Lehrer des Sohnes in allen Belangen der Küche. Unwirklich, aber untergründig immer präsent, lebt diese Welt in den Kochkünsten ihres Baba weiter, der ihr jeden Morgen mit einem »Rojbas«-Zettelchen, was Guten Morgen auf Kurdisch heißt, die schmackhaftesten Schnitten in die Brotdose für die Schule legte, um die sie die Freundinnen dort alle beneideten.
Die alte Welt ist eine von ihr nie erlebte Welt, die allerdings in krassem Gegensatz zu ihrer Gegenwart in einer Sozialwohnung steht, die sie mit dem verstummten, in das Betrachten von Dokufilmen versunkenen Vater und mit ihrer kleinen Schwester Rojin teilt. Am langen Tisch seitlich auf der Parkettbühne bereitet sie nun Brote für die Schulpause Rojins auf, indem sie immer wilder Stöße von Paprika, Tomaten und Gurken zerhackt. Wie nebenbei hat sie uns eben noch erzählt, dass auch sie mit Leidenschaft kocht, und davon, wie es ihr in einem Akt der kulinarischen Grenzenlosigkeit gelang, eine Frankfurter Grüne Soße mit einer türkischen Mahlzeit zu verbinden. Die belegten Brote aber, die sie in die Tupperware-Box für die Schule legt, nimmt die Schwester partout nicht an. Sie sind doch für sie. Oder nicht? So beginnt die letzte Erzählschleife des Stücks, in der sich unserer Protagonistin ganz Wesentliches über sich selbst enthüllt. Was das ist, sollte man sich in dieser großartigen, kaum 70 Minuten dauernden Arbeit aus der Wundertüte der theaterperipherie unbedingt selbst zu Gemüte führen.

Winnie Geipert / Foto: © Asli Özdemir
Termine: 29. Mai, 10 Uhr und 19.30 Uhr
www.theaterperipherie.de

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