Schauspiel Frankfurt: Mateja Koleznik inszeniert Molières »Der Geizige« mit Peter Schröder als Harpagon

Als er in den frühen Zehnern zum Frankfurter Schauspiel kam, gehörte Peter Schröder zu den ersten »Verstärkungen« des längst legendären Ensembles von Oliver Reese und blieb – Gott sei Dank – auch nach dem Intendantenwechsel dem Theaterpublikum der Rhein-Main-Region erhalten. Es braucht keinen seismographischen Spürsinn, um festzustellen, dass der 1958 in Berlin geborene Schauspieler nach den Vorstellungen auch für weniger zentrale Rollen immer ein Surplus an Zuneigung und Applaus erfährt. Das geschieht für ein Spiel, das sich die ihm anvertrauten Figuren stets spürbar und intensiv einverleibt, und ganz ohne jene Nonchalance und vermeintliche Lässigkeit, die sich etwa auf den Hauptstadtbühnen als zeitgemäß geriert, auskommt.
Mit der tragenden Rolle des Harpagon in Molières großer und vielgespielter Komödie »Der Geizige« (»L‘avare«) haben das Schauspiel Frankfurt und die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik Peter Schröder nun die Eröffnung der Spielzeit 2023/24 überantwortet. Wem, wenn nicht ihm!, möchte man sagen, wenn man sich den Charakter des gleichermaßen besessenen wie auch kranken Protagonisten vor Augen führt. Ein zweifellos kluger, ja gerissener reich gewordener Bürger, der sein ganzes Sein dem Haben und Besitzen verschreibt, eine hoch emotionale Beziehung zum Geld entwickelt, und gerade darum in permanenter Angst lebt, alles wieder zu verlieren – was denn ja auch – in überraschenden Wendungen geschieht.
In Frankfurt-Höchst hat kürzlich das Barock-am-Main-Ensemble von Michael Quast dieses Stück aus dem Jahr 1668 nachgerade genialisch in einer Hessisch-Variante auf die Bühne gebracht (Strandgut August/2023). Dabei ließ die Inszenierung von Sarah Groß auch spüren, dass der so geizige wie gierige Haustyrann nicht nur als Lachnummer zu sehen ist, sondern auch als zutiefst tragische Figur im Kontext einer Gesellschaft, die Jean-Jacques Rousseau zufolge (100 Jahre nach Molière) auf Diebstahl basiert.
Keine Frage, dass der Aspekt der persönlichen Tragik von zentraler Bedeutung für Mateja Koleznik sein wird, die mit »Hedda Gabler« und »Die Burgunderprinzessin« bereits erste Kostproben eines stark psychologisierenden Regiezugriffs gegeben hat und für Peter Schröder eine sich ganz und punktgenau dem Text verschreibende Regisseurin ist. Im Mittelpunkt stehe schon bei Molière weniger die Gesellschaftskritik als die menschlichen Schwächen – im Übrigen nicht nur des paranoiden Harpagons. Dieses Meisterwerk entfalte eine bis in die Positionen der niedersten Bediensteten seines Hauses reichende überraschende Vielzahl von nuancierten Charakteren, die alle ihre eigenen Strategien verfolgten, beschreibt Schröder im Gespräch mit dem Strandgut ein von gegenseitigem Überwachen geprägtes soziales Geflecht, das auf der Bühne betont zeitlos gezeichnet werde.
Zum ersten Mal arbeitet Koleznik dabei mit dem uns von den Michael-Thalheimer-Inszenierungen vertrauten Back-Off-Duo Olaf Altmann/Bert Wrede zusammen. Ersterer ist für seine meist abstrakten, gewaltigen, aber auch klar sprechenden Bühnenflächen, letzterer für seine untergründigen Soundcollagen bekannt. Als ständige Partnerin Kolezniks kleidet die dem Artifiziellen zugeneigte Kostümbildnerin Ana Savic-Gecan die Spieler*innen ein. Rückschlüsse auf eine große und spannende Inszenierung lassen überdies die Verpflichtungen des kroatischen Choreografen Matija Ferlin und der unter anderem bei Herbert Fritschs Molière-Stücken profilierten Dramaturgin und Texterin Sabrina Zwach zu. Kopfstark tritt auch das von Schröder angeführte Ensemble auf mit Sarah Grunert als eigensinnige Tochter Elise, Torsten Flassig als selbstverliebtem Sohn Cléante, Wolfgang Vogler als Diener La Flèche und Katharina Linder als gewiefte Kupplerin Frosine gehören. Weiter mit dabei: Tanja Merlin Graf (Mariane), Andreas Vögler (Jaques), Uwe Zerwer (Anselme) und als Gast des Stuttgarter Schauspieles Jannik Mühlenweg in der Rolle von Elises Liebhaber Valère.

Winnie Geipert / Foto: Peter Schröder, © Hupfeld
Termine:
21. Oktober (Premiere)
25., 28., 29. Oktober, jeweils 19.30 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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