Scheue Blicke: »Fallende Blätter« von Aki Kaurismäki

Eine einsame Frau und ein einsamer Mann. Sie könnten zusammenpassen, und doch will man es lange nicht glauben. Denn Regisseur Aki Kaurismäki lässt sich nicht nur viel Zeit, die beiden zusammenzuführen. Er stellt sie auch vor einige gewichtige Hindernisse in dieser romantischen Komödie der besonderen Art.

»Fallende Blätter« ist ein typischer Aki-Kaurismäki-Film und ein perfektes Konzentrat seines Gesamtwerkes. Das betrifft zunächst einmal die Geschichte, in der beide Protagonisten die Hoffnung auf ein gemeinsames Glück aufgegeben haben. »Ich mag die Einsamkeit«, sagt der Arbeiter Holappa (Jussi Vatanen). Seinen und ihren Namen erfahren wir erst gegen Ende des Films (auch das ist ungewöhnlich für eine romantische Komödie). Den alltäglichen Frust löscht Holappa mit Schnaps. Eine kleine Flasche hat er im Sicherungskasten seiner Arbeitsstelle versteckt.
Nur widerwillig geht er mit seinem Freund in eine Karaoke-Bar, in die auch Ansa mit ihrer Freundin gekommen ist. Scheue Blicke wirft sie auf ihn; doch es braucht weitere Begegnungen und einen Kinobesuch, bis sie Holappa einen Zettel mit ihrer Telefonnummer gibt, den dieser sofort verliert. Das ist das erste fallende Blatt. Später wird es noch im Herbst ein paar Blätter geben, die von Bäumen fallen.
Weil Holappa nicht ihren Namen kennt, ist der Kontakt erst einmal abgebrochen. Immer wieder kommt er vor das Kino, in dem sie zusammen Jarmuschs Zombie-Parodie »The Dead Don’t Die« gesehen haben. Das ist an sich schon ein Scherz, auf den Kaurismäki noch einen Insider-Witz setzt: Ein Kinobesucher sagt, der Film habe ihn an Bressons »Tagebuch eines Landpfarrers« erinnert, und ein anderer entgegnet, ihn an Godards »Außenseiterbande«.
Die Szenen vor dem Kino geben Kaurismäki Gelegenheit, mit Postern auf einige seiner Lieblingsfilme zu verweisen: Vor dem Plakat zu »Brief Encounter«, einem besonders eindrucksvollen englischen Film, verabschiedet sich Ansa von Holappa.
Aber auch beim erneuten Zusammenfinden, läuft es nicht wie in einer landläufigen Romanze. Asa muss nämlich endgültig feststellen, dass sie sich einen Alkoholiker geangelt hat. Mit den Worten »Mein Vater hat sich tot gesoffen. Mein Bruder auch. Meine Mutter starb vor Kummer« wirft sie ihn hinaus.
Bei all diesen persönlichen Problemen und Widrigkeiten der Protagonisten vernachlässigt Kaurismäki nicht die soziale Komponente. Er zeichnet ein einprägsames Bild von der Überflussgesellschaft, wenn sich an der Supermarktkasse Berge von Lebensmitteln auftürmen und an den Müllcontainern Ansa einem jungen Mann ein paar Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden dürfen, überlässt. Für die von ihr selbst eingesteckten verliert sie sogar ihren Job. Zu Hause angekommen, verleiden ihr die Nachrichten vom Ukrainekrieg das Radiohören. In dieser Hinsicht kann man den Film Kaurismäkis proletarischer Trilogie zuordnen.
Und natürlich auch wegen seiner Mischung aus Melancholie und Lakonie und wegen seiner ruhigen Erzählweise. Da gibt es keine überflüssige Einstellung. Alle sind überlegt und zu einem visuellen Fluss zusammengefügt, der diesen Film wohltuend von dem heutzutage vorherrschenden Kameragefummel unterscheidet.
Auch der doppelte Verweis auf Robert Bresson (im Kinofoyer hängt ein Plakat von »L’argent«), einen von Kaurismäkis Vorbildern, kommt nicht von ungefähr. Denn »Fallende Blätter« ist am Ende eine unsentimentale Erlösungsgeschichte und damit ganz nah an dem großem französischen Regisseur.

Claus Wecker / Foto: © Sputnik
>> TRAILER
FALLENDE BLÄTTER (Kuolleet lehdet)
von Aki Kaurismäki, D/FIN 2023, 81 Min.
mit Alma Pöysti, Jussi Vatanen, Alina Tomnikov, Marti Suosalo, Sakari Kuosmanen, Sakari Kuosmanen
Drama / Start: 14.09.2023

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