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Viel Stahl in dieser Frau – Zu einem Polizeiroman von Kathleen Kent

literatur Kent c DavidRemi honfrei

»Wohin der Teufel nicht gehen kann, schickt er eine Frau«, steht als polnisches Sprichwort und Motto in »The Burn«, dem zweiten Roman mit der Polizistin Betty Rhyzyk. Insgesamt handelt es sich um eine Trilogie, das erste Buch davon ist jetzt bei Suhrkamp als »Die Tote mit der roten Strähne« erschienen. Der Name der Autorin: Kathleen Kent. Sie wohnt in Dallas.
Ihre Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter Martha Carrier war eine der 19 Frauen und Männer, die man beim großen Hexenprozess von Salem im Jahr 1692 hängte. Kent wuchs auf mit den Erzählungen über eine Häretikerin vor neun Generationen, eine Familienhistorie der besonderen Art. Sie hörte dazu viele Geschichten, füllte Notizbücher, verbrachte viel Zeit mit Quellenstudium. Eigene Erzählungen schrieb sie schon früh, immer aber nur für sich selbst. Dann fand sie ihr Arbeitsfeld in der Finanzindustrie, ging nach New York, hatte nie das Gefühl, einen Roman anpacken zu wollen – bis es sie wieder nach Texas zurückzog. Es stand für sie außer Frage, dass sie eines Tages die Geschichte von Martha Carrier aus Andover, Massachusetts, nahe Salem erzählen würde.
So kam es zu »The Heretic’s Daughter«, ihrem ersten Roman, der im Jahr 2008 erschien, heute in der zwölften Auflage ist und in 17 Ländern erschien (als »Die Tochter der Ketzerin“
bei Goldmann). Kathleen Kent zeichnet darin aus neuer Perspektive nicht nur ein düster-beklemmendes Bild des puritanischen Neuengland sondern auch die Resilienzkräfte einer verfemten Familie. Durch die Augen der überlebenden neunjährigen Tochter gesehen, entsteht das bewegende Porträt einer mutigen und furchtlosen Frau. Angereichert mit viel historischem Detail, ist dies ein Zeitgemälde voller Drama unda Schrecken, aber eben auch Widerstandskraft und Individualität.
Auch ihr dritter Roman »The Outcasts«, 1870 in Texas angesiedelt, hatte Personal aus den eigenen Familienlegenden. Lucinda »Lucy« Carter gelingt 1870 die Flucht aus einem Bordell in Galveston, wo sie wie eine Gefangene gehalten wurde. Sie hat einen Plan, wie sie reich werden könnte, sucht einen Piratenschatz, trifft auf einen jungen Polizisten namens Nate Cannon, der zusammen mit zwei Texas Rangern, die ihm das Handwerk beibringen, einen Killer jagt. Ein sprachlich schöner Roman in einem rauen Land nach einem Bürgerkrieg, mit Schießereien, Folter, Mord, Tod am Galgen. Und einer zu allem entschlossenen Frau, die sich ein neues Leben sucht. Ein Western ohne Klischees, zudem so etwas wie ein Polizeiroman. Kent vermeidet alle romantischen Schablonen, zeigt stattdessen spannungsvoll und schonungslos, welcher Preis für das zu zahlen ist, was man glaubt haben zu müssen.
Dann schrieb Kent eine Kurzgeschichte mit einer New Yorker Polizistin, die es nach Dallas verschlägt. So vielschichtig und interessant, dass sich daraus letztlich eine Romantrilogie entwickelte. »Die Tote mit der roten Strähne« wurde der erste Roman mit ultra-toughen, lesbischen und rothaarigen Polizistin Betty Rhyzyk. Band 2 heißt »The Burn«, treibt all die Härten noch tiefer in die Schatten, und »The Pledge«, der Abschlussband, erschien im November in den USA. Buch 1 und 2 waren beide für den »Edgar« nominiert, die Oscar-Entsprechung bei Kriminalromanen.
Kathleen Kent entwickelte ihre Heldin erneut aus ihrem familiären Umfeld, nämlich aus dem Umgang mit Cousins, die im Polizeidienst sind. Dazu kam eine wachsende Bewunderung für weibliche Polizistinnen, die damit zurechtkommen müssen »wie die Dinge bei uns im Süden laufen«. Sprich Macho-Welt, Bigotterie und Prüderie hoch drei. Es habe immens Spaß gemacht, eine Frauenfigur zu entwickeln, die sich dagegen behauptet. Eine weitere Quelle ihrer Inspirationen war die erste Frau, die es als Detektiv ins Dallas Police Department schaffte. Haarsträubend seien die Geschichten gewesen, die sie erzählte. Und dann – Joseph Wambaugh lässt grüßen – gibt es immer noch das Rezept, zusammen mit Cops abzuhängen oder an Abschiedspartys teilzunehmen. »Es ist erstaunlich«, meint Kent, »was man alles lernen kann, wenn man mit seinem Whisky ruhig in einer Ecke sitzt und einfach zuhört.«
Geschichten, sagte Samuel Fuller einmal, passieren nur jemand, der sie erzählen kann. Erzählen aber muss man können. Kathleen Kent kann das, ganz zweifellos. Und neben allen poetischen Segnungen hat sie Stahl in sich. Ganz viel Stahl. Ihre Bücher zeigen bis ins Private hinein die Folgen von posttraumatischem Stress, so wie ich das noch kaum irgendwo gelesen habe. Mir ist egal, ob Betty Rhyzyk nun schön ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie eine Seele hat und dass sie Familie zu schätzen weiß, auch wenn die Welt ringsum noch so feindlich ist, wie sagen wir, Salem 1692.
Bei aller Härte aber ist da immer ein Herz voller Humor, dem der schwarzen Sorte.
Betty sagt zum Beispiel einmal: »Gäbe es meine Partnerin nicht, bestünde meine Idee, mir emotional selbst zu helfen, aus einer Flasche Jameson. Ich würde aus einem Koffer leben, alle meine T-Shirts wären schwarz und ich würde immer noch Unterwäsche in der Herrenabteilung kaufen.«

Alf Mayer (Foto: © David Remi/Suhrkamp Verlag)

Kathleen Kent: Die Tote mit der roten Strähne (The Dime. 2017). Übersetzt von Andrea O’Brien. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 361 Seiten. 16,95 €.

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